Bald sitze ich einem Mann von behutsamer Gelehrtenart gegenüber. Er versteht mich schon nach wenigen Sätzen, sein Interesse wächst, wir gewinnen menschlichen Kontakt. Ich muß ausführlich erzählen, er kennt Dr. Büttenberg aus Tegel dem Namen nach als angesehenen Fachmann.
Als ich ihn um ein Zeugnis über meine geistige Gesundheit bitte, zuckt aus ihm zum erstenmal eine Ablehnung. ,, Solche Atteste pflegen wir Psychiater im allgemeinen nicht zu geben. Das geistige Symptombild der Menschen ist sehr veränderlich. Welche Phasen psychischer Entwicklung jemand durchgemacht hat, läßt sich hinterher nicht mehr feststellen."
Aber ich trage ja meine ,, Krankheitsgeschichte" auf mehr als dreihundert bedruckten Blättern bei mir, ich brauche sie nur aus der Mappe zu nehmen.
,, Bitte, hier ist das werdende Buch, der Satz ist bis auf den fehlenden Schluß sogar schon einmal umbrochen. Haben Sie Lust, die Selbstdarstellung meiner Schauspielerei als Geisteskranker als Erster zu lesen und zu kritisieren? Ich kann Ihr Urteil noch in das letzte Kapitel mit hineindrucken."
Dr. Wach erklärt sich gern zu einer schnellen Lektüre bereit. Es sei leichter, über ein Buch als über eine menschliche Psyche zu urteilen. ,, Übrigens", fügt er hinzu ,,, es ist Geisteskranken eigentlich nie gelungen, über ihr Leiden bedeutsame literarische Enthüllungen zu machen."
,, Wenn die meinigen also wesentlich sein sollten, wäre ich schon als Simulant entlarvt." Wir lächeln uns an.
,, Es gibt nur sehr wenige Möglichkeiten", erklärt er, ,, einen Facharzt wirklich zu täuschen. Man könnte eine primitive Wahnpsychose, etwa einen Verfolgungskomplex, für kurze Zeit erfolgreich simulieren, außerdem ein manisch- depressives Krankheitsbild, besonders in seinen depressiven Phasen. Im übrigen wird der Sachverständige die Täuschungsversuche immer bald durchschauen, es fragt sich nur, ob er von seiner Entdeckung Gebrauch machen will. Natürlich kommt es auf Gründe und Gegengründe an."
Ich schildere ihm meinen Kampf um den Kopf und vernehme mit einer gewissen Genugtuung, daß mein Tip aufs ManischDepressive ein richtiger Einfall war. Meine psychiatrischen Grunderwägungen haben sich jedenfalls bewährt. Dennoch möchte mein Kritiker von vornherein bezweifeln, daß es mir über ein halbes Jahr gelungen sei, den Dr. Büttenberg von der völligen Echtheit meiner Psychose zu überzeugen. Es wolle
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