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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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,, Leichenasche in der Mittagssuppe!" stöhnt sie plötzlich noch einmal auf. ,, Es war die modernste Form des Kannibalismus. Die Verdammten fraßen zuletzt sich selbst!"

,, Bitte, bitte, schweig!" Ich flehe sie an. ,, Das Raubtier aus den germanischen Urwäldern ist erlegt. Das Herren- Tier ist tot."

Aber manchmal rotiert die Drehbühne dieser Zeit zwischen Leichenhalle und Lachkabinett:

St. Georgen hat über Nacht einen neuen deutschen Zucht­hausdirektor bekommen; er hat sich ganz auf eigne Faust dent hohen amerikanischen Behörden in Empfehlung gebracht.

Dieser geheimnisvolle Dr. P. soll alter Jurist und aus einem KZ- Lager zugewandert sein. So erzählt es die Fama weiter, sie berichtet auch, daß er sich zwar ungern blicken lasse, sich dafür aber um so eifriger für die Küche interessiere, nicht für die Küche der Gefangenen, sondern für seine eigene Sonder­verpflegung. Na, wenn schon! Vielleicht hat er viele Jahre gehungert.

Warum sollen wir dem menschenscheuen Herrn Direktor nicht einen kleinen kameradschaftlichen Besuch machen! Viel­leicht hat er viele Jahre hinter Stacheldraht verbracht und kann sich nur langsam an den Trubel freien Lebens gewöhnen! Also melden wir uns an; meine Frau, die als Folge der Höllen­fahrten wieder Wasser in den Füßen hat, kann nur mühselig humpeln.

Wir haben einen triftigen Anlaß. Jener freche Feigling aus Berlin, der sich auf der Höllenfahrt nach Bayreuth an unserer Margarine mästete, soll den Schmuck der weiblichen Gefange­nen, der ihm als Transportleiter von dem Berliner Frauen­gefängnis anvertraut war, unterschlagen haben.

Ein großer, eleganter Herr empfängt uns überhöflich. Flachs­blonde Haare geben seiner Erscheinung eine aparte Note, sie liegen an den Kopf geklebt wie eine Perücke, und möglicher­weise ist's auch eine. An seinem gepflegten Händchen glitzert spielerisch ein Edelstein, ich fühle mich unwillkürlich an Freislers diamantenen Solitär erinnert.

Er pflichtet uns mit allen hellen und tiefen Registern seiner Überzeugung bei. Ja, dieser Volksgerichtshof sei eine ganz infame Einrichtung gewesen. Und diesen Nazi- Strolch von Ge­fängnisinspektor, den wollten sie schon kriegen. Er sei über­haupt für rücksichtslose Strenge gegen alle, die uns Schaden zugefügt hätten.

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