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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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Krätze- Kolonne zu kommen. So zog ich täglich von früh bis spät als ,, Krätze- Tante" mit meiner Salbenkiste unterm Arm durch die Lagerstraßen. Natürlich war das bißchen Salbe gegenüber den Tausenden von Geschwüren und oft eigroßen Eiterbeulen fast ohne praktischen Wert, eine sanitäre Vor­täuschung.- Bald sah ich den Leidensgenossinnen an, wie lange schon das Lager an ihnen zehrte. Die Stammgäste schie­nen alle gleichen Alters zu sein, gleichviel, ob man junge Mäd­chen oder Großmütter vor sich hatte. Ihr Kopf ist verschrumpft und wie abgenagt, das Gesicht scheint nur noch aus den Augen zu bestehen. Wenn man eine Haarsträhne anfaßt, bleibt das Haar an den Fingern kleben wie die Fellhaare eines Tier­kadavers. Ihre Haut ist grau wie helle Asche oder gelblich wie Eiter gefärbt und am ganzen Körper schwammig und schuppig und von roten Kratzmustern gezeichnet-

Plötzlich drängt sie sich in schnellem Schreck ganz eng an meine Seite: ,, O Gott, wie sehe ich denn eigentlich aus?"

Fürchtet sie in diesem Augenblick der krassen Erinnerung, sie sei auch nur als ein angefaultes Stück Opfer in die Welt zurückgekehrt? Sie fährt sich mit dem Finger über die Lippen, sie streicht sich zitternd über die Haare. Aber sie greift nicht zum Taschenspiegel, sie scheut sich vor ihrem eigenen Angesicht, als sei sie seit damals für alle Zeit gezeichnet, als müsse sie sich vor einem dauernden Mal der Schmach und des Aussatzes fürchten.

Endlich höre ich ihre tonlose Stimme: ,, Nein, ich darf nicht daran denken! Sonst weiß ich gar nicht, ob dieser bunte Sommer nicht ein täuschender Traum ist mit gräßlichem Er­wachen. Ich muß es zudecken wie ein Grab, das Entsetzliche, sonst gewinnt es wieder Gewalt. Ich will nicht mehr davon sprechen, sonst halten sie mich noch für eine Lügnerin."

,, Es ist sehr schwer, davon zu sprechen", nicke ich gepreẞt, ,, denn die Gewissen der Menschen sind verhärtet, sie wollen nicht hören, was geschah, weil sie es nicht fassen können. Sie leugnen die Untaten, die um sie her verübt wurden, aus dunk­lem Selbsterhaltungstrieb. Ja, sie wehren sich dagegen, daß solche Dinge in ihrem Zeitalter möglich wurden. So panzern sie sich gegen die Wahrheit, nicht aus Übermut, sondern aus Angst. Sie werden die KZ- Geschichten hassen, im Wort, im Bild, im Buch, denn sie betrachten das alles als Anklagen gegen sich selbst. Was nützt dem Einzelnen die individuelle Schuld­losigkeit, wenn der Fluch die ganze Generation befleckt."

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