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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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rung zu mildern, die noch als geheimes Beben in ihrer Erzählung nachzittert.

,, Da schwimmt ja Asche auf der Suppe, rufe ich eines Tages, als endlich der Kübel mit dem wäßrigen Mittag kommt. Ich arme Anfängerin wußte noch nicht, daß dies die Asche von der Esse' ist. Die sogenannte Esse ist nämlich das Krematorium. Die Totenasche flog im scharfen Luftzug mit durch den Schorn­stein hinaus. Zuweilen legte sich der Rauch von der Leichen­verbrennung ganz dick auf die Küchen und verdunkelte alles. Anfangs drehten sich mir, sobald ich die schwarzen Flocken auf unsrer Kohlrabibrühe sah, die Därme um, aber allmählich macht Wirklich einen der tierische Hunger völlig gleichgültig. peinigend war das stundenlange Warten in Reih und Glied, wenn wir splitternackt zu Hunderten im Regen auf kaltem Stein zum Arztappell formiert standen. Jawohl, splitternackt, so standen wir einmal acht Stunden in Nässe und Kälte, klap­pernd und blaugefroren, Alte und Junge, Kranke und Gesunde, viele mit eiternden Wunden, mit Hautausschlag, mit Prügel­striemen und Hundebissen."

,, Mit Hundebissen? Ja wieso denn Hundebisse?"

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,, Attila, faß! war ein beliebter Ruf, wenn irgendeinem zwei­beinigen SS - Vieh gerade nichts Besseres einfiel. Besonders auf ängstliche Weiblein wurden gern die Hunde gehetzt. Attilas scharfe Zähne haben manch einer von uns breite Beinnarben Übrigens, als Andenken an Ravensbrück zurückgelassen. wenn wir so mit bloßen Beinen und Brüsten in der Zugluft warteten, mußten wir schnurgerade ausgerichtet sein, und wenn irgendein Körperteil ungebührlich herausragte, gab es gleich mit der Reitpeitsche aufgezählt. Ständig umlungerten uns wie Insekten irgendein paar SS- Schweine, die ihr sadistisches Ver­gnügen dabei suchten. Eines Tages erklärte uns unsere Stubenälteste, eine altbewährte Kriminelle, diejenigen von uns, die noch nicht kurzgeschoren seien, dürften sich melden zum Dienst im Bordell. Wer diesen Dienst mit Liebe!- versieht, kommt nach einem Jahr frei. Nun, die Aussicht auf besseres Essen und spätere Freiheit war so verlockend, daß sich auch manche Frauen meldeten, sogar Mütter von kleinen Kindern, deren Väter im Felde standen. Übrigens hat keine der Frauen ihr Ziel erreicht, denn bald wurden ihre Körper von Hautkrankheiten entstellt, und sie siechten weiter im Lager, jetzt auch von der Schande gezeichnet. Ich hatte das Glück, als ausgebildete Krankenschwester nach einiger Zeit in eine

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