hier zwischen Zwang und Freiheit zu Ende gehen! Wenn ich das Ich in meinen Fingerspitzen, das Ich meiner hoffenden Seele nicht in den nächsten Augenblicken die Oberhand gewinnt, so bin ich verloren! Da hilft kein Diskutieren, ich muß das Fratzenbild vernichten und hindurch.
Schon fegen meine Arme wie Schwerter der Erhebung durch die Luft, und ich fühle den Triumph der Ganzheit in meinen Handgelenken. Hebe dich weg, du Trug aus der Tiefe!
Da beginnt der Unhold drüben zu wanken, mein Gegen- Ich weicht, es schneidet mir noch eine gemeine Grimasse, dann flieht es vor den Fäusten meiner erwachten Kraft. Es läuft in manischem Schwung davon, und ich höre es heulen in depressiver Verwünschung. Nun schrumpft es mit der Entfernung und verschwindet wie ein toller Hund im grünen Gelock zwischen Sträuchern und Bäumen.
Die Bahn ist frei, ich atme tief, die Finger zittern wie nach schwerem Werk. Und wenn ein neuer Goliath aus dem Engpaẞ wächst, er wird mich nicht mehr schrecken, ich überwinde mein Gegen- Ich durch Gesundheit und mein Über- Ich durch Mäßigung. Das ist mein Verlöbnis mit der Zukunft, und die junge Birke dort ist mein Zeuge. Birke überm Hohlweg, weise mir den Weg!
An dem breiten Drahttor des Pflanzgartens spannt sich eine bemalte Stoffbahn; es muß ein ehemaliges Bettlaken sein, auf dem jetzt zu lesen steht: ,, Political prisoners camp". Im Hintergrunde flattern über den Tannenbäumchen auf einer Wäscheleine jene intimeren, mehr oder minder rosigen Gewänder, die ohne Zweifel dem zarten Geschlecht gehören. Lustig blähen sich die Hemdchen und Höschen im Frühlingswind. Aus geöffneter Tür ergießt sich ein Wasserschwall. Die hochgeschürzten Damen des verflossenen Volksgerichtshofes machen offenbar gründlich Kehraus.
Ich störe die tapferen Amazonen beim Großreinemachen, aber mein Erscheinen lähmt mit einem Schlage ihren Eifer, ich fühle mich plötzlich als Zielscheibe für viele Blicke, die mir sehr vieldeutig scheinen.
Ehe mich die Arme meiner Frau berühren, hat sie ihren Besen wie eine triumphierende Lanze in die Luft geworfen! Noch liegt eine ungewisse Fremdheit wie eine kosmische Hülle zwischen ihr und mir. Meine Sinne umfangen sie noch nicht ganz, ich spüre die Eigenheiten ihres Wesens wie ein Wertstück, das mir noch nicht gehört.
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