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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Wie schön, daß ich hier liegen darf. Schmerzlos und immer selbstzufriedener liege ich, es ist gleichgültig, ob meine Ein­drücke stimmen oder nicht. Es berührt mich auch nicht, als rauhe Arme mich auf einen Handwagen packen und abbefördern. ,, Der Muselmann macht och nich mehr lange", hallt es zu mir herüber wie aus einem Sprachrohr. Nicht mehr lange? Wie gut, daß es nicht mehr lange dauern soll! Sie nennen mich also schon Muselmann. Das ist der knastologische Fachausdruck für Moriturus. Einerlei!

Sie tragen mich ins Spital, denn wir sind in Süddeutschland. Spital, das klingt so gemütlich nach warmer Ofenbank, nicht so preußisch schnarrend wie Lazarett.

Aber in der großen Spitalzelle stinkt es nach bissigem Lysol, und der strenge Geruch macht meine Sinne wieder klarer. Auch die Kälte dringt wie Massage durch Mark und Bein; der Fuß­boden aus rissigem Zement zeigt vereiste Pfützen. Ich sinke auf einen plumpen Strohsack und merke, wie sich vor meinen Augen allmählich die Umwelt wieder ordnet.

Vor mir auf der hellblauen Wandtünche hängt an schwarzem Holzkreuz ein Schmerzensmann, wir sind in Bayern . Von der gegenüberliegenden Wand starrt mich noch ein zweiter Kruzi­fixus an, und ich sehe jetzt wahrhaftig nicht doppelt; das Lysol hat mich wieder wach gemacht, aus dem kleinen Zusammen­bruch emporgerissen.

Meine Spitalgenossen scheinen kränker als ich zu sein. Sie liegen teils steif, teils zuckend auf den benachbarten Stroh­säcken, Opfer des männermordenden Transports.

Als Oberkalfaktor stellt sich uns bald ein belgischer Arzt aus Brüssel vor, ein semmelblonder, wohlgenährter Herr, dem die schwarze Zuchthausuniform mit den gelben Peststreifen vorzüglich sitzt. ,, Bonjour, messieurs les partisans!" begrüßt er uns kordial und schöpft bayrisches Blaukraut, in Nord­deutschland Rotkohl genannt, aus dem Kessel. Seit zwei Tagen hatte ich nichts mehr in den Magen bekommen, und so schlinge ich, da sich kein Spitalgenosse an dem Essen beteiligen mag, gleich drei Liter- Schläge hinunter; mein Magen hält mich für verrückt und schnauzt mich an.

Draußen dröhnt lautes Gepolter und Geschimpfe auf. Die Tür wird aufgestoßen, sie tragen einen beinahe leblosen Körper hinein, den blutige Kleider- und Wäschefetzen dürftig bedecken. Es ist einer der Unglücklichen, die im Durst- Delirium in den Wahnsinn fielen und zuletzt im Bremserhäuschen des

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