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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Waggons an Händen und Füßen gefesselt abgestellt wurden. Jetzt liegt er in apathischer Hilflosigkeit, aber er scheint sich im Rausch der Selbstzerstörung mit der Kleidung auch die Haut vom Leibe gerissen zu haben.

Man wirft ihn jetzt krachend auf den Strohsack, und ich bekomme die Weisung, mich von Zeit zu Zeit um ihn zu kümmern. 3

Trinken, löschen, die Welt brennt, stöhnt der Wahnsinnige. "Ich reiche ihm den schweren Wasserkrug und stütze seinen Kopf. Er stiert in den Krug, reißt am Henkel und würde das steinerne Gefäß zur Erde schmettern, wenn er noch die Kraft dazu hätte.Der ist mit Blut vergiftet, zischt er mich an, will aufspringen, fällt vom Lager und windet sich völlig zer- schunden unter die Bettstatt. Also Verfolgungswahn! mir wird ganz unheimlich zu Mut. Sein Wahn ist echt, goldecht, überdenke ich, mein eigener Wahn war gottseidank nur gut und listig gespielt, eine Nottäuschung. Armer Muselmann, deine Lippen entfärben sich schon wie ein im Wasserglase altgewor- denes Veilchenblatt. Um Mitternacht schlägt er noch einmal in kurzem, qualvollem Rasen mit Armen und Beinen aus, dann reckt er sich und ist tot.

Und gegen Morgen hebt sich auf dem andern Strohsack noch einmal eine kranke, hohl gurgelnde und pfeifende Brust zum letzten Leidenston. Akute Pneumonie. Wieder exitus letalis.

Im ersten Tagesgrauen wähne ich, das dritte Opfer dieser Nacht zu werden; man zwackt mir mit einer Zange stück- weise die Glieder ab. Als ich in kaltem Angstschweiß erwache, sind mir nur die Beine abgestorben. Aber es hält mich nicht länger auf dem Stroh, ich trommle mit den Fäusten gegen die Tür, daß die Riegel klappern; der Wächter wütet mit rasselndem Schlüssel heran, doch mein Mundwerk geht schneller:Zum Teufel noch mal mit eurem Sterbekäfig, mit eurer gottverdammten Leichenbude! Meine Stimme über- schlägt sich und reißt ab.

Dem Wachtmeister bleibt sein bajuwarischer Fluch im Halse stecken.

Es wird Sonntag, ich höre verwehte Klänge von Kirchen- glocken. Das Wellglas des Zellenfensters verzerrt jede Sicht; wenn ich die schmale Luftklappe öffne, sehe ich den Ausschnitt eines altertümlichen Hofes. In einem kahlen Kastanienbaum hängen gemütvolle Starkästen. Die Märzwürze der Luft läßt

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