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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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Götzendämmerung in Bayreuth

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In der Frische des Vorfrühlings blüht rings umher ein Ge­meinwesen, das noch nicht die Fäuste des Krieges gespürt hat. Blinkende Fensterscheiben, saubere Gehsteige, festlich ge­schwungene Dächer. Die Bürger von Bayreuth tragen den Kopf noch so selbstgerecht im Nacken, als könne es hier überhaupt kein Verderben regnen; sie sehen sogar noch ziemlich gut hitlerisch aus.

Aber was wissen wir Verdammten vom eigenen Befinden? Wir fühlen uns vom eigenen Ich hinweg ins Grenzenlose ver­schlagen; mir ist, als rutschte ich über Watte und hätte eine Spirale in meinen Kniekehlen. Mein Kopf, mein vorläufig wieder mal geretteter Kopf, summt wie ein Bienenkorb und scheint auch so schwer, so groß zu sein. Die Luft riecht bitter­scharf wie Knoblauchsaft, und aus der braunen Wiese steigt es süßlich- faulig wie von gerinnendem Blut. Aber jetzt drehen sich die kahlen Kronen der Alleebäume vor meinen Augen stärker, als sie der Sturm zu schütteln vermöchte: die optische Täuschung ist eine Folge der elftägigen Höllenfahrt nach Bayreuth kein Zweifel, mir ist schwindlig. Noch taumele ich neben den andern in Reih und Glied, aber schon will der Augenblick nahen, wo ich für nichts mehr verantwortlich bin. Jetzt kurvt die Allee vor mir einem Abgrund zu. Es ist die St. Georgener Markgrafenallee, die früher Zuchthausallee hieß, was aber den Bewohnern der stattlichen Sandsteinhäuser miẞ­fiel. Solches erfahre ich aber erst später, wie ich auch erst später feststelle, daß die Allee sich gar nicht krümmt, sondern ganz gerade verläuft.

Am Rande des Abgrunds, den sich meine überreizten Sinne einbilden, bedrohen mich stürzende und steigende Mauern eines verwitterten Quaderbaus, auf dem ein Türmchen mit dem Kreuz auf der Spitze Galopp reitet. Die Kreuzspitze stürmt auf mich zu, ich ducke mich, ich falle, ich höre noch, wie eine ganz ferne Stimme murmelt: ,, Laß den mal erst auf seinen Klamotten liegenbleiben, der Kerl sieht ja wie' ne Weißwurst aus!"

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