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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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muß ich gewissermaßen eine Dissimulation simulieren, eine reichlich verzwickte Angelegenheit, aber ich bin als Hysteriker auf eine fast verwirrende Vielfalt pathologischer Symptome an­gewiesen. Bei meiner ursprünglichen manisch- depressiven Lauf­bahn wäre alles leichter gewesen.

Einfacher, aber auch keine Allerweltssache ist das Phäno­men des ,, Vorbeiredens", in dem ich mich mit der ,, Telefonitis" versucht habe. Man verleugnet alltägliche Erfahrungen, zum Beispiel, daß man zum Telephonieren einen Telephonapparat braucht. Man handelt sinnvoll in einzelnen Gliedteilen des Denk- und Tatgeschehens, aber das Ganze stimmt nicht. Bei Antworten trifft der Vorbeiredner ein logisch richtiges Ziel, also etwa die Telephonverbindung mit einer richtigen Berliner Amtsnummer, aber die Aussagen über den Charakter seines Telephongesprächs sind irreal und schief.

Diese Gedankengriffe exerziere ich also; es ist das psychi­atrische Rüstzeug, mit dem ich Büttenberg entgegentrete.

,, Na, wir sind heute mal zur Abwechslung wieder verrückt?" Die Blicke des Obermedizinalrates lassen mich nicht erraten, ob er mehr auf ärztliche Fürsorge oder mehr auf ärgerliche Ironien gestimmt ist.

,, Herr Geheimrat", sage ich, denn ich gebe ihm grundsätz­lich einen falschen Titel, sobald ich radikal aus der Wirklich­keit flüchte. ,, Herr Geheimrat, ich muß mich über Herrn Dr. Wernicke beklagen, er läßt mich nicht mehr telephonieren. Wenn mich meine Mutter anruft und ich mich gerade am Apparat zu melden beginne, dann trennt er mir einfach die Verbindung. Sie haben mir doch neulich bestätigt, daß ich gesund sei. Und ich fühle mich jeden Tag gesünder. Das Tele­phonieren strengt mich beispielsweise überhaupt nicht mehr an. Und mein Gedächtnis hat sich auch gewaltig gebessert. Ich weiß zum Beispiel wieder alle Telephonnummern von meinen Verwandten und engeren Bekannten auswendig. Meine Tele­phongespräche sind wirklich notwendig, um wieder die Fäden zur Außenwelt herzustellen. Und das Telephonieren erfrischt mich, man ist wieder mitten im Leben. Heute abend werde ich mir erlauben, auch Sie einmal zu Hause anzuklingeln, da haben Sie sicher mehr Zeit. Ich liebe zuweilen solche ungestörten Telephonplaudereien am Abend, wenn ich die Quasselstrippe auch nicht solange besetzt halte wie meine verstorbene Frau-"

,, Nun halten Sie aber endlich die Luft an. Ihre Frau sitzt

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