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blieb im letzten Augenblick doch oben. Dafür scheint aber der Dachstuhl rebellisch geworden zu sein, er hat sich teilweise „abgesetzt‘‘, wie der Modeausdruck lautet, der die Niederlagen der trunkenen Millionen bemäntelt, die das Lügenkreuz auf der falschen Adlerbrust tragen.
Durch die zersprungenen Fenster grüße ich erschüttert die blutigen Bahren der erschlagenen Mitgefangenen. Unsere Filz- läuse saßen natürlich im sicheren Keller. Alle Toten, vorläufig etwa vierzig an der Zahl, sind wieder Häftlinge; statt in die Deckung geführt zu werden, waren sie doppelt eingeschlossen worden, wie es der Himmler wollte.
Bis in den dämmernden Nachmittag hinein liegt die qual- mende Stille nach dem Sturm über dem Lazarettgebäude. End- lich kommt Niko mit weißer Wunderschürze voll Brotkuhlen. „Nimm heut soviel du willst, es gibt doch vor übermorgen nichts Warmes. Die Küche ist ausgebombt. In den großen Kessel mit den Dienstag-Graupen ist die Decke runtergesackt. Der dicke Oberkoch ist zu Mus zerquetscht, das hat er nun davon, sein fettes Hinterkastell hat ihm gar nichts genützt. Und wir haben hier Dachschaden, schweren Dachschaden. Der Himmel wird uns in die Bude regnen. Und die Heizung ist auch kaputt.“
„Ja, der Himmel kommt über uns, und die Hölle heizt uns ein“, bestätige ich. Denke ich oder döse ich? Ich döse hinter dem Chaos her. Immerhin hat mir das Chaos zunächst vier Kuhlen-Brot eingebracht, die Kuhle zu 125 Gramm gerechnet. Jedes Gramm ein Fünkchen Widerstand. Also Dachschaden im Lazarett. Meinetwegen, wenn ich nur meinen eigenen Dach- schaden behalten darf.
Es wird kalt, ich friere und spüre dabei meine Einsamkeit eisiger. Überhaupt läßt mich die Kälte alle Dinge beißender empfinden. Draußen ist der unschuldige Schnee vor Schreck und Scham zu schmutzigem Schorf geworden. Drinnen fehlt die warme Suppe, und als sie nach einigen Tagen wieder dampft, ist sie dünn wie Spülicht.
Vormittags schreit der Magen nach dem gewohnten Kartoffel- brei. Manchmal kann noch der gute Niko helfen, aber ich lerne schon wieder die bohrenden Spiralen des Hungers kennen. Die Notküche reicht nicht aus, und der lahme Wille erst recht nicht. Der Krieg soll alles entschuldigen. Aber wer entschuldigt mich? Was bin ich doch für eine sinnlose Schneeflocke im sinnlosen Wettertreiben!
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