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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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die Anfälle sogar scheinbar absichtlich zu wiederholen, wenn er beobachtet wird. Es handelt sich dabei um Veränderungen derjenigen Störungsform, bei der die Affektsphäre unter dem Reiz von außen den Willen beeinflußt.

Diese Erscheinungen sind es sogar, die manche Psychiater veranlassen, eine Simulation bei vielen verdächtigen Fällen in Abrede zu stellen und anzunehmen, die Geisteskranken spielten ihre Krankheitsformen vor fremden Augen und Ohren beson­ders gern, weil sie dabei eine Befriedigung ihrer abnormen Libido fühlten. Gerichtsärzte dürften freilich zu dieser Mei­nungsgruppe kaum gehören, sie werden zu oft von allzu schlechten Komödianten der Pseudo- Verrücktheit betrogen.

Achtung, der Morgen graut, es geht los. Ein heiserer Schrei zerreißt die Stille, den langgezogenen Ton durchzittert jähe Furcht. Mein Oberkörper fällt aus dem Bett, er zuckt und stürzt sich auf die flatternden Arme. Das Lazarett hat sein Morgen- Malheurchen.

Kurtchen fährt aus dem Schlaf, ich freue mich, ihn von dem guten Ruhekissen seines schlechten Gewissens gescheucht zu haben. Er will mich ins Bett zurückheben, ich schlage um mich, schreie wieder, zucke, zittre, rolle mit den entsetzten Augen, schreie, schreie, setze alle Gesichts- und Halsmuskeln in ge­zerrte Bewegung.

Jetzt klingelt Kurtchen Sturm, die ,, schwarze Pest" erscheint, besieht sich den Schaden und meint in ihrer zynischen Torheit: ,, Der hat wohl Brennspiritus gesoffen." Dann verschwindet die Pest und schickt Niko, der mir einen kalten Umschlag machen soll.

Niko ist eingeweiht und spielt seine Rolle mit rauhem Humor. Seine Versuche, mich wieder richtig zu betten, scheitern, weil sie scheitern sollen. Mein Schreien bekommt allmählich einen Rhythmus, der mir die Anstrengung erleichtert. Das Zittern und Zucken will geübt sein, ich darf meine Kräfte nicht ver­schwenden. Die Mimik des Entsetzens braucht ja vor keiner Übertreibung zurückzuschrecken, hemmungslose Gesten sind übrigens nicht so aufreibend wie halbwegs beherrschte. Jeden­falls stelle ich mit innerer Zufriedenheit fest, die Sache macht sich, der Krampf wirkt auf die hinzukommenden Wachtmeister und Kalfaktoren durchaus echt und überzeugend.

Als der Verwalter nach einer Stunde zum Dienst erscheint und gleich zu mir heraufkommt, bin ich schon etwas ruhiger; ihm darf ich auch nicht zuviel Unbequemlichkeiten machen, wir

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