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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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er steigen und etwa zwei Stunden dauern; die ,, schwarze Pest" und Niko haben Dienst im oberen Stockwerk. Dr. Wernicke ist nicht zur Visite zu erwarten, der Fall muß also gleich dem Obermedizinalrat gemeldet werden. Manches muß ich dem Zufall überlassen.

Glücklicherweise ist mir allmählich über Hysterie doch viel mehr wieder eingefallen, als das Lexikon wußte. Vor allem erinnere ich mich, daß hysterische Krampfbewegungen nicht ziellos sind wie die epileptischen. Der hysterische Bewegungs­krampf muß den Charakter von Angriffs- und Abwehr­bewegungen haben: Während der Epileptiker im Anfall blaß, ohne Ausdruck und fast leblos daliegt, malen sich im Gesichtsausdruck des Hysterikers die Affekte wie Zorn, Schmerz, Angst aufs deutlichste.

Das habe ich früher in Aufsätzen über die Epilepsie gelesen und jetzt wieder in die Helle des Bewußtseins hinaufgepumpt. Ich weiß es also, aber wird es auch Dr. Büttenberg wissen? Meine guten manisch- depressiven Leistungen nahm er auch nicht gebührend zur Kenntnis.

Gewiß, ich könnte den Krampfanfall unterlassen, niemand zwingt mich dazu. Aber ich bin nun einmal als Hysteriker ab­gestempelt und muß einen Grad dieses Leidens vortäuschen, der wirklich als ernstere Krankheit anerkannt wird. Sonst könnte Büttenbergs Gutachten etwa lauten: ein bißchen hysterisch in­folge langer Untersuchungshaft, aber im allgemeinen ver­handlungsfähig.

Krampfanfälle irgendwelcher Art pflegen sich aber meistens bei schweren Hysterieanfällen einzufinden wenigstens nimmt das mein Gedächtnis an. Sicher ist jedenfalls, daß Krampf­anfälle bei Hysterikern häufig sind, und ich glaube, daß sich Bewegungskrampf leichter simulieren läßt als Starrkrampf. Wenn ich die winterliche Erstarrung draußen an den Sträuchern studiere, so scheint auch ein stückweises Absterben meiner Glieder zur Jahreszeit zu passen.

Im Grunde muß ja gerade das komplizierte hysterische Krankheitsbild leichter vorzutäuschen sein als jede andere Geistesstörung. Es ist bekannt, daß sich hysterische Menschen fast nie verletzen, wenn sie zu Boden fallen, während sich Epileptiker fast regelmäßig blutig schlagen. Sodann aber liegt in allem hysterischen Gebaren eine gewisse Tendenz zur Schau­spielerei. Der Kranke zeigt häufig eine Art Sucht, sich in die Leidenssymptome zu stürzen, in die Krankheit zu fliehen und

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