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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Versicherungsbranche; durch die Verwundung hat sein Äußeres gelitten. Auf das gute Aussehen hält er aber auch im Gefäng­nis viel, indem er stündlich seinen Scheitel wichst und auch die Kalfaktorhose nur mit tadelloser Bügelfalte trägt.

Seine Vorliebe für den äußeren Menschen hat ihn auch ins Gefängnis gebracht. Im Kriegslazarett Lublin war dem Ge­freiten Martin versprochen worden, daß er die schwarze Binde bald ablegen könnte, da er ein Glasauge erhalten sollte. Aber wie so viele Nazi- Versprechungen blieb auch diese uneingelöst. Martin ließ es gewiß nicht an Rührigkeit beim Erinnern fehlen, im Gegenteil, er schrieb nach seiner Entlassung, er würde sich erst zur zivilen Arbeit melden, wenn er endlich das versprochene Glasauge erhalten hätte. Darauf wurde er sofort zur Dienst­leistung in einer ganz miserablen Stellung befohlen.

Er wiederholte seine vorläufige Weigerung und wurde darauf, ohne überhaupt vor den Richter geladen zu sein, zu einem Jahr Gefängnis wegen Arbeitsverweigerung verurteilt.

Seit dieser Stunde pfiff er auf den Dank des Vaterlandes. Daher wurde er in Tegel sofort ein warmherziger Förderer der Politischen ; mir versprach er schon am zweiten Tage, von Niko eingeweiht, mich in meinem Kampfe gegen die Mordrichter des Volksgerichts zu unterstützen. Eine Vorahnung sagte mir, daß ich solche Hilfe noch dringend brauchen würde.

Als ich mich schon an seine schwarze Binde gewöhnt hatte. war sie eines Morgens weg und Martin einfach nicht wieder­zuerkennen. Er trug wahrhaftig ein Glasauge, er hatte es vom Kalfaktor des Hausvaters, in dessen geheimen Kramladen er geraten war, gegen ein Päckchen Tabak eingetauscht. Das Glas­auge hatte einem verstorbenen Gefangenen gehört, der es vor der Fahrt ins Krematorium zurücklassen mußte. Böse Zungen kolportierten die Greuelmär, es wäre vorher mit dem abge­schlagenen Kopf in den Sägemehl- Sack gefallen.

Leider war das Kunstauge blau und Martins natürliches Auge braun. Vielleicht wäre das noch nicht das schlimmste gewesen, aber Martins Augenhöhle war größer als der gläserne Ersatz, und so verschob sich das Augenbild unter grotesken Bewegun­gen, wenn Martin seine Mienen spielen ließ. Mir wachsen jetzt im Halbtraum blaue und braune Glasaugen aus dem Türschlitz entgegen.

Endlich sind meine intellektuellen Vorbereitungen zu dem hysterischen Krampfanfall fertig. Morgen in aller Frühe soll

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