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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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mal so einen blöden Hilfspolizisten umlegen mußte. Die Waffen kaufte man in gewissen Lokalen, die auch zur Kundschaft ge­hörten, von Deserteuren, die Geld brauchten und für das Schießzeug keine Verwendung mehr hatten. So trieben sie Super- Sabotage an der Zeit.

Besonders üppig zahlte Kurtchen für die neuen Maschinen­pistolen, Modell 43, die waren prima. Um die bemühten sich vor allem ausländische Arbeiter, und bald war Kurtchen Liefe­rant jener Partisanenkreise, die sein Vater auf dem Balkan , im. Appenin und in den Pyrenäen aufhängen ließ. Aber beide Be­schäftigungen nährten ihren Mann.

Doch eines schönen Tages brach die Herrlichkeit des Sohnes unvermutet zusammen. Ein Hitlerjugendgenosse, der sich bei der Verteilung der Beute benachteiligt fühlte, zeigte aus Rache die ganze Bande an. Nun kamen die rätselhaften Laden­einbrüche, zu deren Bekämpfung man übrigens auch die Hitler­jugend aufgeboten hatte, heraus. Kurtchen und die anderen jungen Gangster wanderten nach Tegel .

Als der Jugendpfleger die Protokolle über Kurtchens kriminel­len Werdegang gelesen hatte, standen ihm die Haare zu Berge. Der Mann schien wohl die deutsche Nazi- Jugend bisher nur durch die Rosa- Brille der Goebbels- Propaganda gesehen zu haben. Er ließ sich das hoffnungsvolle Bürschchen im Gefäng­nis vorführen und war auch noch erstaunt, als Kurtchen keine Spur von Reue zeigte, sondern sich mit seinen Taten homerisch brüstete. Er fand, ein solcher Mensch könne unmöglich nor­mal sein. Sein individueller Irrsinn sollte das System entlasten. So kam der nazistische Musterknabe in meine Zelle. ,, Was, das ist der große Räuberhauptmann?" brummelt der alte Spitzbart, der ihn untersucht. ,, So'n Dreikäsehoch. Der ist über Dächer geklettert und hat zwei Beamte angeschossen. Na sowas! Und der soll krank sein. Puls normal, Lungen gesund. Täglich hundert auf den Hintern!"

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Auf eine diskrete Bemerkung des Verwalters erwidert Dr. Wernicke laut: ,, Was, geschlechtskrank war der Lümmel auch! Na so ein Ferkel. Wie alt ist doch der Bursche? Sechzehn Jahre und drei Monate! Nächstens gehen noch die Pimpfe zu den Weibern. Wirklich schon ausgeheilt, sagen Sie. Na, sehn wir lieber nochmal nach. Ein paar Spritzen wollen wir ihm für alle Fälle noch geben."

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Kurtchen lauert immer ungeduldiger auf ,, wat zu roochen"; endlich funktioniert der Schleichweg. Niko hat sich doch er­

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