In der Schule kam Kurtchen nicht vorwärts; um so besser machte er sich in der Hitlerjugend , wo er sehr schnell zum Hordenführer und dann zum Oberhordenführer befördert wurde. Selbstverständlich befehligte er auch die schwache Tante, die ihn mit Geld und Hausschlüssel versehen mußte. Für das andere sorgte er selbst.
Kurtchen hatte bald keinen rechten-Spaß mehr an der lang- weiligen Kleinkaliberbüchse, wie er sie zum Schießdienst im Bann erhalten hatte. Er sehnte sich nach einer richtigen „Kanone‘‘, etwa nach der großen Polizei-Mauser oder einer anderen großkalibrigen Pistole mit hundert Schuß Munition, Die kostete aber hintenherum viel Geld, unheimlich viel Geld, und was man der Tante klauen konnte, reichte dazu nicht aus,
Also mußte man Geschäfte machen, was war dabei, wo doch alle Welt herumschob. Und es ging besser, als er gedacht hatte, besonders für Zigaretten wurden allmählich phantastische Preise gezahlt. Leider wurde die Ware immer knapper. Woher nehmen?
In den Läden gab es Zigaretten, Süßigkeiten, Schnäpse, noch und noch. Ein Griff über'n Tisch, ein Steinwurf ins Fenster, es war so einfach. Wo ganz Europa von der deutschen Herren- rasse ausgeplündert wurde, konnte der Edeljüngling Kurtchen, jetzt wohlbestallter Fähnleinführer der Hitlerjugend und künf- tiger Anwärter der SS, doch wohl so ein paar poplige Handels- männer, die meistens sowieso keine guten Nazis waren, ein bißchen erleichtern.
Es ging vorzüglich. Die Sachen fanden reißenden Absatz, und dabei verschleuderte Kurtchen nichts, er kannte die ge- sprochenen Preise, und er sprach sie diktatorisch selber. Am ergiebigsten waren nächtliche Stoßtrupp-Unternehmen, die mußten vorher gut ausbaldowert werden. Dazu brauchte man immer mehr Hilfskräfte, die paar Jungen, die von vornherein freiwillig mitmachten, langten nicht. Wozu war man Fähnlein- führer! Er setzte nächtlichen Dienst an. Die Geschichte ging immer besser, man mußte sich schon Keller in Vororten be- sorgen, um die Waren zu lagern. Um nicht dabei beargwöhnt zu werden, hatten sie sich als Tischlerlehrlinge mit Säge und Hobel verkleidet, die gelegentlich Kästen, Truhen und Schränke abstellten. Die Uniformtaschen des Hitlerkleides schwollen immer dicker, sie waren mit Hundertmarkscheinen und Ge- schäftspapieren gefüllt.
Man hatte sich übrigens längst ganz erstklassig mit Waffen ausgerüstet, denn man konnte nie wissen, ob man nicht doch
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