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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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scheint ausnahmsweise einmal recht zu haben.Mein Junge, gebe ich gemütlich zurück,dir werde ich erst mal die Hosen stramm ziehen.

Auch jut, grinst er befriedigt,na, denn woll'n wir jute Kameraden sein. Morjen krieje ick wat zu roochen, dann kriechste och wat ab. Und ne Pulle Kohnjack, juten Kohnjack, werde ich och bald wieder rinkriejen, ohne Kohnjack is ja uff der Welt nischt los.

Nein, dieses Kurtchen, der kann wirklich so bleiben. Warum hat man diesen Bengel überhaupt zu mir in die Zelle gelegt? Ist er krank? Er scheint mir eher übergesund. Die Aufklärung gibt mir draußen eine Stunde später Niko, der Mann für alles. Also die Zelle 29 hat sich jetzt unten schon den Traditionsruf als Obdach für Leute erworben, bei denen eine Schraube locker ist oder die einen Klaps oder einen Dachschaden haben. Niko berichtet das mit einer Art verschämter Vertraulichkeit.

Ob Kurtchen wirklich einen Dachschaden hat? Wer kann das wissen! Er soll mit seinen sechzehn Jahren schon soviel auf dem Kerbholz haben, daß der Jugendpfleger die Untersuchung auf Geisteskrankheit beantragt hat. Also Verdacht auf Jugend- irresein, auf dementiaSprekotz, um mit Franzl zu reden.

Wir wollen uns den Jungen doch näher auf Herkunft und Vorleben ansehen. Er gibt nur allzu bereitwillig Auskunft, und der Ruhm seiner Heldentaten erfüllt schon die ganze Anstalt, seine zahlreichen Tatgenossen in Tegel , auch lauter Halb- wüchsige von fünfzehn und sechzehn, sorgen dafür. Sie sind jetzt sogar auf verschiedene Häuser und Flügel des Gefängnisses auseinandergelegt, denn die Wachtmeister fürchten sich vor ihren gemeinen Streichen. Jedenfalls bilden sie, mit Kurtchen an der Spitze, das totale Erziehungsprodukt der Hitlerjugend . Die Lausbuben terrorisieren schon den Terror.

Aus seinen eigenen und aus den fremden Berichten, bestätigt durch die Klagen des Jugendpflegers, zeichnet sich mir bald ein Lebensbild von Kurtchen ab, und das sieht dann folgender- maßen aus:

Sein Vater tummelt sich seit sechs Jahren auf allen Kampf- und Raubplätzen Europas als SS -Führer, um andere Völker mit den Segnungen nationalsozialistischer Erziehung zu be- glücken. Seine Mutter leitet in einem Gebirgsdorf den Haushalt

eines Entbindungsgestüts für uneheliche Kinder von Nazi- Fräuleins jeden Alters, die sich der SS bevölkerungspolitisch zur Verfügung stellten.

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