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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Sportler beneiden. Auch sonst macht er einen völlig ungewohn­ten Eindruck, er wirkt vielleicht noch komischer.

,, Servus, grüß Gott, da bin ich! Ich habe denen was gezeigt. Die können mir sonst was! Sieben Jahre Zet! Es hätten meinetwegen auch zwanzig sein können. Zu Weihnachten ist der Krieg sowieso zu Ende."

,, Gratuliere von Herzen, mein lieber Maxl. Bestellen Sie sich nur rechtzeitig eine Bettkarte nach Wien . Zu Weihnachten sind nämlich die Schlafwagen immer ziemlich ausverkauft."

,, Ach was", wehrt Schlenk in edelmütiger Bescheidenheit ,,, ich fahre auch dritter Klasse. Wir wohnen ja gleich am Franz­Josef- Bahnhof, da kann ich mich nachher ausschlafen. Aber ich telegrafiere, und meine Mutter wird mich vom Zuge ab­holen." Er lächelt selig, als sei er nicht zu sieben Jahren Zucht­haus verurteilt, sondern soeben freigesprochen.

Auf der linken Stirnseite trägt er zwei große Heftpflaster, die sich in Falten legen, wenn er sein Gesicht zu bübischem Lachen verzieht. Wie hat er die Wunden empfangen? Ist er mißhandelt worden? Erst allmählich schäle ich aus seinen ideenflüchtigen Erzählungen heraus, was sich in der Bellevue­straße ereignet hat.

Also Maxl ist es zunächst durchaus nicht gut gegangen. Er mußte die Nacht vor der Verhandlung auf dem Alex in einer Zelle verbringen, nicht viel größer als die unsrige, in die man über vierzig Menschen zusammengepfercht hatte. Nur einige konnten auf Schemeln hocken, viele mußten abwechselnd auf einem Bein die Nacht über stehen. Maxl wünschte umzufallen oder sich wenigstens darin weiter zu üben, doch er fiel nur den fluchenden Nachbarn an die Brust, und es regnete Püffe.

Maxl wurde jedenfalls am andern Morgen in einer fürchter­lichen Verfassung in die ,, grüne Minna" geladen und wirkte bei seiner Ankunft schon wie eine Leiche auf Urlaub.

Von der Verhandlung selbst vermag er nicht mehr viel zu erzählen. Der Stier mit dem roten Tuch sei anfangs ganz friedlich gewesen, er habe ihn sogar beinahe mitleidig an­geschaut.

Aber dann hatte Schlenk dem hohen Gerichtshof seine anae­mische Benommenheit vorgeführt, und da ist der Stier bald wütend geworden und hat schließlich ausgerufen: ,, Solch ein Kerl ist mir überhaupt noch nicht vorgekommen." Und darauf hat ihn der Oberreichsanwalt als einen verwahrlosten und niederträchtigen Burschen verdonnert. Solche Strolche müßte

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