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Oben hinter dem zerstörten Fenster zählt der zitternde Schlenk mit weißen Lippen und verquollenen Augen die Opfer des Unheils, mitunter hebt er die Stimme, und die Zahl wird
hörbar:„Vierundzwanzig!— Sechsundzwanzig! Sechsund- dreißig!— Neununddreißig!‘“ Er spielt den Buchhalter der Katastrophe.
Die Toten bettet man in unsern Lazarettkeller, die Sterben- den bleiben im Vorraum, und die wenigen, bei denen noch Hoffnung ist, kommen ins sogenannte Operationszimmer. Um die Leichtverletzten kümmert sich niemand.
Eiligen Schrittes erscheint der Chefarzt Dr. Büttenberg in einer neuen, gutsitzenden Uniform,.in die er angesichts dieser schlachtopferreichen Stunde geschlüpft ist. An der Hüfte trägt er eine große Pistole und sieht in diesem Aufzuge noch mehr nach einem Zivilisten aus.
Heute habe ich sicherlich vor ihm Ruhe, während ich sonst an den Vormittagen immer kribbeliger den hellen Zeigerstrahl unserer Sonnenuhr an der Zellenwand verfolge, immer des Aufrufs zu einem neuen Zweikampf um meinen Geist und Kopf gewärtig.
Zunächst aber rüstet sich Schlenk zu seinem Schicksalstag. Genauer genommen, er rüstet noch einmal krampfhaft ab, er bleibt, als er zur Einkleidung zum Hausvater soll, steif wie ein Brett im Bett liegen und behauptet, sich nicht rühren zu können. Dann schließt er die Augen und markiert die Starre eines Leichnams. Die böse Filzlaus, die ihn holen soll, macht heim- lich die Probe aufs Exempel, indem sie ihn unversehens mit einer tückischen Nähnadel in die Schulter piekt. Da springt der empfindliche Maxl wie ein Tennisball in die Höhe und steht auf den Beinen wie ein Leichtathlet. Armer Maxl!
Ich gebe ihm wenigstens ein vierblättriges Kleeblatt, das mir ein guter Geist-im Brief geschickt hat, als Amulett auf den Weg.
Zwei Tage vergehen, in denen ich die Einzelhaft wieder als Abwechselung empfinde, Meine Sorge um Maxl nimmt freilich zu, er wird wohl nicht mehr wiederkommen, da er bis jetzt nicht zurück ist. Nach einem Todesurteil pflegt man den neuen Teka sofort zu isolieren.
Da klappert in später Stunde, es muß schon 9 Uhr abends sein, das Schlüsselbund in der Zellentür, und Maxl hüpft wie ein lustiges Eichhörnchen, nur sehr viel geräuschvoller, in unsre alte Bude, Um diese beschwingten Knie könnte ihn jeder
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