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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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man ausmerzen, hatte der Reichsanwalt zuletzt gerufen, und dann fiel das große Stichwort: ,, Darum beantrage ich die Todesstrafe."

In diesem Augenblick wurde es Maxl gelb und grün vor den Augen, er brauchte keine Benommenheit zu mimen, er brauchte nicht mehr zu übertreiben, sich nicht einmal anzustrengen. Plötzlich war er einfach weg, lag da wie ein gefällter Baum, man hatte es ordentlich krachen hören, und er lag von mehre­ren Kopfwunden blutüberströmt. So konnte denn niemand die Echtheit seiner Ohnmacht bezweifeln.

Die Sitzung wurde unterbrochen, bis er sich wieder halbwegs erholt hatte, und nun konnte der Pflichtverteidiger doch wirklich mit einem guten Anknüpfungspunkt um Milde bitten. Bald war sich auch der Gerichtshof einig.

Da die Minderwertigkeit des Angeklagten teilweise auch auf körperliche Leiden zurückzuführen sei, wären sieben Jahre Zuchthaus und sieben Jahre Ehrverlust als ausreichende Sühne anzusehen. Heil Maxl!

Von nun an haben wir alle unsre Freude an seiner Gesund­heit, er iẞt und schläft und bleibt guter Dinge. Als er in glückstrahlender Unbefangenheit dem Spitzbart von seinem Termin berichtet, schüttelt der wieder einmal das müde weiße Haupt und brummt durch den geschlossenen Mund vor sich hin: ,, Sieben Jahre Zuchthaus, und da freut er sich, der Mann ist ja doch nicht normal."

Auf in den Kampf, Torero! Maxls Wiener Heurigen- Lippen flöten mir die Carmen- Melodie zum Geleit, als ich endlich wieder zum psychischen Verhör beim Herrn Obermedizinalrat abgeführt werde. Ich will mich, nachdem ich einmal vorwiegend manisch und ein zweites Mal vorwiegend depressiv geschau­spielert habe, dieses Mal halbwegs normal gebärden und nur mit leichterer Psychopathie behaftet sein. Es liegt mir ja daran, die Entscheidung möglichst hinauszuschieben und die leicht verdächtige Tatsache zu rechtfertigen, daß ich doch bei meinem langen Gastspiel im Lazarett sehr oft als halbwegs Normaler angetroffen werde.

,, Guten Tag, Herr Obermedizinalrat! Wie geht es Ihnen! Wünsche wohl geruht zu haben. Die Vögel sangen heute morgen so schön!"

Das klingt nicht verrückt, aber auch nicht angemessen. Er ist offensichtlich überrascht. Noch einmal scheint er jedes meiner

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