Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
117
Einzelbild herunterladen

> FE

vo

. Und als Schauspieler in der Rolle eines Verhandlungs- unfähigen wird er leider-auch erfolglos sein, denn er simuliert gewissermaßen den Simulanten, man glaubt ihm nicht einmal die Krankheit, die er wirklich hat, sondern man meint, er spiele oder parodiere mit Geschick und Leidenschaft einen Menschen, der die Umwelt zum Narren halten will. Übrigens, einen Simu- lanten zu simulieren das wäre etwas, das mich diabolisch reizen könnte.

Wenn Schlenk zum Beispiel bei Mondschein herumtaumelt, nach der Nachtwache klingelt und dem ungnädigen Beamten vorwimmert, seine Abendmedizin sei verfälscht gewesen und nun wüte eine Sprengpatrone in seinem Hirnkasten, ja das alles erinnert an so brillantes Komödiantentum, daß man ihm für das belustigende Nachtstück Beifall klatschen möchte, sofern man nicht über die Störung zur Unzeit wütend ist. Aber nicht einmal dieschwarze Pest kann ihm ernsthaft böse sein, sie erklärt nur höhnisch, von den Kopfschmerzen könne er leicht befreit werden, wie ja. auch Zahnausreißen das beste Mittel gegen Zahnschmerzen sei.

Der alte Dr. Wernicke hat schon dreimal die Beziehun- gen zu Maxl unterbrochen, jedesmal mit demselben trübe wütenden Ausruf: ‚Den verrückten Kerl will ich nicht mehr sehn.

Es scheint freilich, als sei die Zelle 29 gegen unerwünschte Personalveränderungen gefeit, die sonst in diesem Hause das Alltägliche sind. Ich unterstehe ja nicht der ärztlichen Juris- diktion des Weißbartes, er könnte nur den Chefarzt bei der Entscheidung über michberaten, aber darauf verzichtet er, weil ihm mein Fall nicht geheuer ist.

Er liebt die Begrüßungsformeln, die er den Stammgästen des Lazaretts gegenüber gebraucht, stereotyp zu wiederholen: ‚Der da ist auch noch immer da, erklärt er ständig mit schiefem Stirnrunzeln und Naserümpfen in beinahe drolliger Resignation und halber Verzweiflung. ‚Der da bin ich, und ich habe mich daran schon wie an,einen Rufnamen gewöhnt.Geben Sie dem da man was zum Abführen, der is ja schon zwei Monate nicht an der frischen Luft gewesen. Wo er wie bei mir eine Indivi- dualität: wittert, noch dazu eine rätselhafte, zieht er sich auf das indirekte ‚‚der da' zurück. 2

Die standhafte Dachkrone unserer Platane verliert nun mehr und mehr die brandigen Blätter, die in melancholischem Reigen durch die klare Oktoberluft auf den sterbenden Rasen nieder-

117