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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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fallen in vorgetäuschter Knieschwäche wird er nicht weit kom­men. Der Volksgerichtshof läßt die Opfer, die nicht laufen können oder das wenigstens vorgeben, auf einer Tragbahre zur Anklagebank schleppen, und für Benommene, für Leute, die mit dem Nerventatterich auftrumpfen, hat man im Bellevue­keller einen Prügelbock, an dem erfahrene SS- Büttel prakti­zieren. Maxl will also die Benommenheit, die er bisher vor­nehmlich durch Disziplinlosigkeiten zur Kenntnis gab, zu Fieberdelirien steigern, denn im Lexikon steht, daß chronische Anaemie oft mit plötzlichen Fieberanfällen verbunden sei, bei denen der Kranke deliriere.

Die natürliche Fügung ist ihm in ungewöhnlicher Weise zu Willen, denn eines Nachmittags fiebert er wirklich, und zu unser aller Erstaunen wird 40,8 gemessen und durch Wieder­holung bestätigt. Diese hohe Fieberzahl, zu der wohl der autosuggestive Wunschwille viel beigetragen hat, alarmiert den Verwalter und sogar den Spitzbart, der in einer Art von sach­lichem Ärger den Kopf schüttelt und vor sich hingrollt: ,, Nanu, wird der olle Angeber auch noch wirklich krank!"

Leider ist am nächsten Tage das Fieber schon fast verschwunden, und mit den Delirien ist es überhaupt nichts geworden. Maxl schaut in seliger Ermattung nach der steilen Fieberkurve auf der Tafel über seinem Bett, als sei sie ein Schutzbrief. Die ausgebliebene Raserei der Sinne ersetzt er durch jenen Zustand, den man einen alkoholfreien Schwips zu nennen pflegt und der ihn dazu befähigt, sämtliche Wiener Heurigenlieder mit schmalziger Musikalität herunter­zuschluchzen.

Als Niko im Auftrag des Verwalters kommt, um Schlenk zur Ruhe zu mahnen, fliegt ihm ein Lederpantoffel an den Schädel. Das ist selbst dem gutmütigen Niko zu viel, er rückt dem Maxl mit einem nassen Lappen zu Leibe. Maxl schreit, als käme ihn schon die ,, schwarze Pest" zur Schlachtbank holen. Der Krach ist da, und bald verbreitet sich im Lazarett die Fama, der Schlenk habe einen Tobsuchtsanfall bekommen.

Ich mache mir jetzt um den armen Maxl wahrhaftig mehr Sorgen als um mich. Man hat sich in den sieben oder acht Wochen doch schon sehr aneinander gewöhnt, und er ist im Grunde ein liebes Kerlchen, wenn ich's auch nicht leicht mit ihm habe. Ich fürchte, man hält ihn für einen allzu erfolg­reichen Verführer in den politischen Gefilden der Wiener Lust­gärten, was er als Don Juan bestimmt nicht war.

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