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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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ihren wahren Herzenszustand gesellschaftlich. klug zu ver­schleiern weiß.

..Jetzt haben sie dich auch noch krank gemacht", sagt sie mit scharfem Vorwurf gegen die ungenannten Schuldigen. In ihren Augen haben jetzt die nazistischen Staatsanwälte, Richter, Polizisten, Banditen und Mörder Schuld, die man mit höflichen Allüren hassen muß. Mein Vater hält mich einfach für un­schuldig, aber nicht aus Blutinstinkt, sondern aus der Über­zeugung, daß Ideen, derentwegen ich verhaftet bin, nicht vater­landsfeindlich sein könnten.

Er will sich jetzt persönlich dafür einsetzen, daß mein Prozeß beschleunigt und bald zu Ende geführt wird. Ja, er meint, ich würde nach großer Kontroverse vor Gericht als verkannter Patriot gerechtfertigt und freigesprochen werden, denn ich hätte doch wohl nur einen Wechsel der Regierung erstrebt, um Deutschland einem ehrenvollen Frieden entgegenzuführen. Das aber sei doch in kritischen Zeiten gerade die Pflicht eines auf­rechten Mannes. In diesem Sinne spricht er auch zu mir be­dächtig mit gelassenen Worten. Er spricht aus einer Welt, die es nicht mehr gibt.

Sein marmorweißes, hochgewölbtes Haupt steht vor mir wie ein strenger Senatorenkopf der Republik Alt- Rom, in dem nur seine eigene Welt regiert. Seiner catonischen Sauber­keit könnte ich gar nicht begreiflich machen, daß die deutschen Strafrichter von heute als Kreaturen einer politischen Mörder­clique Schweinehunde sein müssen. Nein, das würde er nicht einsehen, er würde sagen, Gott hat ihnen das Richter­amt verliehen.

Was mir in der Not der Stunde besonders am Herzen liegt, das kann ich nur meiner Mutter verständlich machen. Frauen vermögen sich schon seit Evas Zeiten besser in Dinge einzu­fühlen, die im Lichte der äußeren Ordnungen nicht bestehen.

Während sich der Herr Verwalter seinem Schrank zuwendet, flüstre ich meiner Mutter zu: ,, Ich muß übertreiben, meine Krankheit ins Verrückte übertreiben. Angstige dich also nicht. Wenn du hörst, ich sei nicht normal, dann weißt du, daß ich es darauf anlege. Wenn es nötig wird, sagst du, du hättest mich auch zerrüttet gefunden, nämlich geistig nicht verhandlungs­fähig darauf kommt es an."

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,, Ach, ach", sagt sie halb überrascht und halb begreifend, ., muß das sein, na, wenn es sein muß! Aber wer zwingt dich dazu, und wer soll es glauben?"

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