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Gewiß, sie demütigen sich vor der unbegreiflichen Fügung, die ihnen die Schlammflut dieser Zeit nicht ersparte, aber sie er- niedrigen sich nicht. wenn sie den Sohn in carcere et in vinculis et in tormentis besuchen, wie mein Vater sagen würde, der sich nach alter Humanistensitte so gern lateinisch ausdrückt.
Noch sehen sie mich nicht, und ich kann mich auf das Kom- mende vorbereiten. Aber der Verwalter sieht mich und ruft, da sei ich. Als er feststellt, daß ich so lange beim Chefarzt drin gewesen sei, auf den meine Eltern fast eine Stunde warten, da schüttelt er den Kopf wie über eine Sache, die mal wieder nicht geklappt hat.
Es stellt sich heraus, daß sie schon vor zwei Stunden hier sein sollten und wollten, aber durch einen Luftalarm wurde die Verabredung mit dem Obermedizinalrat gestört. Inzwischen hat er mich allein„‚beobachtet‘‘. Soll sich jetzt ein zweiter psychi- scher Vernehmungsakt anschließen? Mir graut vor einer Fami- lientragödie. Meine Gedanken agieren dramatische Dichtung aus der Wirklichkeit.
Aber wieder einmal habe ich Glück in tiefster Not. Der Herr Obermedizinalrat hat unmittelbar hinter meinem Rücken die Anstalt verlassen. Er tat es in höchster Eile, hatte sich eigentlich schon verspätet, mußte dringend zur Sitzung im Volksgericht. Der Luftalarm in früher Stunde hatte auch ihm den Vormittag durcheinandergebracht, ich aber konnte den Alliierten da oben für die Störung dankbar sein.
Meine Empfindungen sind schon ins Mimosenhafte über- züchtet, daher überwältigt mich die Rührung, als ich meinen alten lieben Eltern in die Arme sinke. Doch die Kluft zwischen ihrer und meiner Welt hebt sich nicht auf. Mütter pflegen sich um ihre Söhne viel länger zu sorgen als Väter. Wenn deı Generationskonflikt zwischen Vater und Sohn erst einmal seinen Austrag und seinen versöhnlichen Ausklang.gefunden hat, dann begleitet der Vater gewöhnlich nur noch wie ein wohlwollender Betrachter den weiteren Lebensweg des Sohnes. Die Mutter aber nimmt, je weiter der Sohn durch seine Reifezeit wandert, meistens mit wachsender Leidenschaftlichkeit Partei, sei es bei einer Heirat, sei es bei seinen größeren Siegen und Niederlagen im Daseinskampf.
Auch meine Mutter lebt mit ihren achtzig Jahren unvermin- dert für mich und mit mir. Meine Gefangennahme vermag sie nicht zu verwinden, sie leidet mehr als ich, sie ist untröst- lich und wünscht meinen Gegnern die Hölle, wenn sie auch
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