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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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streute Medizinalkalfaktor Franz in einem leichten ,, Sprekotz"- Anfall mit einer Injektionsspitze verwechselt und im Des­infektionskessel stundenlang zerkochen lassen.

Jetzt legt Herr Büttenberg seine Taschenuhr auf den Schreib­tisch und starrt das Ziffernblatt an, als wolle er die Zeiger festhalten und dadurch Zeit gewinnen. Wie unnormal sich doch auch Leute benehmen, die sich bestimmt für ganz normal halten. Er schreibt noch immer nicht. Ach, wenn ich ihm doch ein­helfen dürfte! Ich habe ihm heute die Sache vielleicht ganz unnötig schwer gemacht, ich hätte mir die Einleitung mit der Zwangsneurose schenken sollen. Möglich, daß er an Platzangst denkt, zu der dann der halluzinatorische Verfolgungswahn, die Schlangenaffäre, nicht gut passen würde. Ja, man soll niemals mehr angeben, als nötig ist, um den andern in eine fromme Täuschung zu wiegen. Seid einfach, einfach, einfach! Diese dumme Angeberei! Nächstes Mal bin ich vernünftiger und humaner gegenüber dem normalen Beobachter, dessen Seelen­leben auch geschont werden muß, wenn es nicht ins Labile gleiten soll.

,, Wir müssen noch einmal Geduld haben", spricht er vor sich hin und wischt sich einige Perlen von der Stirn. ,, Sie kriegen Fußbäder, abwechselnd kalt und warm.- Ich werde schon dahinterkommen", grollt es halblaut hinterher.

Als ich mich am offenen Zimmer des Verwalters vorbei­schleichen will, erblicke ich dort meine Eltern, deren Besuch mir völlig unerwartet kommt, denn ich dürfte erst in einigen Wochen wieder Sprecherlaubnis für Angehörige haben. Ich fange den freudigen Schreck noch rechtzeitig in mir auf, denn meine Rolle weist mir unabwendbare Pflichten zu.

Ich schalte das Bewußtsein auf höchste Alarmstufe: wenn sie der Obermedizinalrat bestellt haben sollte, wie verhalte ich mich? Solche Konfrontationen mit Angehörigen sind in der psychiatrischen Diagnostik beliebt, das Verhalten des Kranken soll sich bisweilen schlagartig verändern, manchmal sogar ver­bessern, wenn die nächsten Verwandten ihnen unvermutet gegenüberstehen. Ich vermute, daß sich dabei die Erinnerungs­kraft an gesunde Tage neu belebt und eine gewisse Krisis im Zustande des Patienten hervorruft.

Da sitzen die beiden Achtzigjährigen, von der Last des ehr­würdigen Alters gebeugt und doch mit jener sich nie verleug­nenden Sicherheit aus jenen langen Jahrzehnten, da sie mit Recht zu der herrschenden Schicht in Deutschland gehörten.

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