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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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während ich mich unbeobachtet wähnte? Aber ich jage nur in deutlich gespielter Zerquälung dem Zitate nach.

Als ich es endlich habe, springe ich in Positur und lege in getragenem Tonfall los: ,, Wie von unsichtbaren Geistern ge­peitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unseres Schick­sals leichtem Wagen durch und" und hier stocke ich tatsäch­lich, entsinne mich nur noch dunkel, daß Goethe meint, wir müßten den bewußten Wagen vom Steine hier und vom Sturze dort abhalten. Jedenfalls war mein Steckenbleiben echt, also keineswegs schauspielerisch vorgesehen.

,, Und? Na und weiter?" Büttenberg forscht aufmerksam in mich hinein und scheint sogar ein ganz klein wenig belustigt.

,, Ist's nicht schon allerhand, Herr Geheimrat, daß ich über­haupt noch was aus Goethes ,, Egmont " zitieren kann? Wer kann das überhaupt! Da werden Sie doch nicht annehmen wollen, ich hätte ein schlechtes Gedächtnis. Ich konnte früher sehr viel auswendig, ohne es direkt gelernt zu haben. Bin wieder ganz auf der Höhe. Wenn Sie es wünschen, lerne ich den ganzen ,, Faust " in vier Wochen auswendig. Was meinen Sie, wollen wir es versuchen? Sie lernen auch, und wir sehen dann, wer's besser kann. Wie von unsichtbaren Geistern ge­peitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit-"

Ich habe noch einmal den Anfang wiederholt, jetzt jedoch absichtlich abgebrochen, um eine nervöse Unzuverlässigkeit zu markieren. Er läßt sich nicht stören und notiert weiter. ,, Herr Geheimrat, ich bitte Sie", rufe ich flehentlich, er blickt auf, ich weiß nicht recht, ob spöttisch oder teilnehmend. ,, Herr Ge­heimrat, die unsichtbaren Geister, von denen schon Goethe gepeitscht wurde, sind da. Kein Wunder, wenn hinter mir die Bolschewisten her sind-" Ich schnappe nach Luft, ich atme tief.

,, Lassen Sie nur", begütigt der Obermedizinalrat ,,, für heute ist's genug. Ruhen Sie sich oben aus. An den Nachmittagen können Sie Bettruhe halten. Ich werd' es auch noch dem Ver­walter sagen."

Noch eine tiefe, schlaffe Verbeugung, und ich wanke groß­spurig zur Tür hinaus.

Oben finde ich Schlenk in heller Erregung. ,, Wie war es?", schreit er mir entgegen ,,, warum reden Sie nicht? Sie wissen doch, ich bin telepathisch veranlagt, ich habe Ihre ganze Prüfungsangst mitleiden müssen."

Ich rüttle seine Schulter. ,, Wenn Sie Fernseher sind, dann müßten Sie auch schon wissen, daß es gut gegangen ist. Sogar

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