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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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vorzüglich. Ich war manisch bis in die Fingerspitzen. Meine sinnlose Heiterkeit artete aus bis zu wild übertriebenem Be­wegungs- und Tätigkeitsdrang. Dann neigte ich zur Selbst­überschätzung und zeigte falsche Größenvorstellungen. Auch die Ideenflucht kam eindrucksvoll zur Geltung. Die Keime künftiger Depression waren schon durch einen Anflug von Verfolgungswahn zu spüren. Und jetzt darf ich mich zur Be­lohnung nachmittags ins Bett legen."

,, Ja, Sie haben es gut", sagt Schlenk gedehnt, ich fühle in seinen Augen Mißgunst glimmen. Als ich ihn forschend an­sehe, fährt er fort: ,, Ja, ja, so ist das immer. Eine Krähe hackt der andern nicht die Augen aus. Sie sind Akademiker, darum tun Ihnen auch die Ärzte nichts."

,, Nein, mein Lieber", widerspreche ich ,,, die sogenannten Akademiker, genauer gesagt, die Leute mit den festen Tradi­tionen in den geistigen Berufen gebärden sich so, als hätten sie bloß noch Existenzberechtigung, wenn sie von Bauern ab­stammen und zackige Soldaten sind. Glauben Sie mir, meine akademischen Standesgenossen rümpfen die Nase, weil ich es wagte, aus der legalen Hürde der feinen Leute auszubrechen und mich jetzt wie ein Verbrecher durch diesen Dreck da schleifen lassen muß."

,, Was sollen wir uns streiten", lenkt Maximilian ein, dem es nur um eine soziale. Plänkelei, nicht um eine gesellschafts­kritische Untersuchung zu tun war. Er ist mit sich, genauer mit seiner Vergangenheit unzufrieden. Er hat sich selbst sehr lieb und ist auch in seine Krankheit verliebt. Er betrachtet sich als Unterdrückter, weil sein Vater Gepäckträger und seine Mutter Köchin war. Aber nicht deshalb ist er ein kleiner Buch­halter geblieben, sondern weil er als Achtzehnjähriger in den Stadtparks hinter den Mädchen herrannte und die Kurse im Abendgymnasium bald wieder schwänzte. Neulich vertraute er mir in traumatischer Nachtpsychose seine letzte kühne Ein­bildung an. ,, Wenn ich als Märtyrer heimkehre, müssen sie mich zum Bürgermeister wählen."

Wenn jeder halbintellektuelle Wiener gleich Bürgermeister werden wolle, würde es ja bald sozialen Mord und Totschlag geben, wende ich dagegen ein. Er nimmt es übel, und ich werde deutlicher. ,, Wenn die Halbintellektuellen auch noch der Märtyrereitelkeit verfallen, dann sind sie bald überhaupt nicht mehr zu brauchen, weder zum Bürgermeister noch zum Buchhalter."

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