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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Während ich auf dem Bett liegend psychiatrische Studien an mir selbst treibe, sitzt Schlenk stundenlang am Fenster und wartet, ob nicht unten auf dem Gartenweg eine erregende Mäd­chengestalt erscheinen will. Im Notfalle gibt er sich auch mit einer fünfzigjährigen Beamtin zufrieden, es ist doch immerhin ein Weiberrock. Und er kann sich ja noch immer mit den süßen Gesichtchen der Filmdamen trösten, die er als Ansichtspost­karten wohlverwahrt in seinen Taschen und Päckchen mit sich trägt, seitdem ihm die barbarischen Wachtmeister schon eine kleine Galerie von schönen Frauen an seiner Zellenwand be­schlagnahmt haben.

,, Kommen Sie schnell", durchbricht er aufgeregt das Mittags­schweigen. ,, Da sehen Sie, die da, eine ganz Fesche, und was die für erstklassige Beine hat, eine wirkliche Dame."

,, Beruhigen Sie sich", dämpfe ich ab ,,, zu einer Dame gehört sehr viel mehr als erstklassige Beine. Solche Beine wachsen wild, zur Dame wird man erzogen."

Jetzt erst sehe ich hin und hebe die Stimme in frohem Er­kennen. Die Dame da unten ist meine Tochter."

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Maximilian greift in jäher Verwirrung nach seinem Spiegel­scherben, um nachzuschauen, ob seine Frisurtolle auch in Ord­nung sei. Seine schönen Rindsaugen glänzen in leerem Widerschein.

Ich werde nach unten geholt, und bei aller Freude begleitet mich eine Bangigkeit. Ich weiß, der Herr Obermedizinalrat be­findet sich im Hause, sein Zimmer liegt neben dem kleinen Besuchsraum. Wenn er nun hinzukommt oder auch nur horcht? Ich kann doch vor meiner Tochter nicht den Geistesgestörten spielen. Sie würde natürlich in die Echtheit meiner Krankheit keinen Zweifel setzen und alle meine Angehörigen an ihrem Erschrecken teilnehmen lassen. Ich muß also wenig und leise sprechen, um meine Lebensspuren möglichst zu verwischen.

Die Begrüßung vollzieht sich beinahe wortlos. Ursula be­trachtet verlegen bald meinen alten blau- weißen Kittel, bald ihre neuen dunkelroten Wildlederhandschuhe mit den schwar­zen Steppästen. Die Geschichte ist ihr äußerst peinlich. Wie kann ein Herr aus gutem Hause, und noch dazu ihr eigener Vater, ins Gefängnis kommen!

Vielleicht gerade deshalb sagt sie: ,, Vati, das ist ja hier gar nicht so schlimm. Ich habe mir sowas viel grauenhafter vor­gestellt."

,, Junge Frau", wirft der Aufseher ein ,,, im Gefängnis leben

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