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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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Schaffensdrang- einen Schaffensdrang, sage ich Ihnen, Sie werden über mich staunen. Ich werde der Welt beweisen-"

Ich breche ab und sehe ihn glückstrahlend an, naiv und gläu­big, die gelöste Heiterkeit meiner Mienen soll ungewollt und organisch wirken.

Denn ich muß mich vor jener schlechten Verstellung hüten, mit der die unbegabten Laien beim Liebhabertheater in jäher Willkür ihre natürlichen Ausdrucksregungen zu vergewaltigen pflegen. Über den Unterschied zwischen bloßer Verstellung und beseelter Mimik hat doch der ehemalige Burgtheaterdirektor Alfred von Berger Entscheidendes gesagt, ich habe seine Vor­träge als Student in Wien gehört: Die Innervation von Wort und Gebärde strömt aus einheitlicher Quellenzentrale der Phantasie. Ja, ich muß jetzt unerschütterlicher Fachmann für alle psychischen Fragen sein.

,, Sie haben mir gar nichts zu danken", erwidert Büttenberg mit freundlicher Abweisung. ,, Ich will Ihnen nur helfen, wieder ruhiger zu werden." Seine großen, klugen Augen betrachten mich mit interessierter Skepsis, doch hat mein Auftreten offen­sichtlich keinen Argwohn bei ihm erweckt.

Ich erhebe mich, als hätte mich eine Nadel ins Gesäß ge­stochen, tue aber so, als geschehe es ganz unabsichtlich, als merkte ich gar nicht, daß ich aufgestanden wäre. Von der motorischen Beschleunigung meines Gehabens darf ich ge­wissermaßen selber nichts gemerkt haben. So verlangen es die Spielregeln echter Schauspielerei. ,, Ihre Hilfe, Herr Professor, Herr Geheimrat, ist ja für mich so unendlich wertvoll, Sie geben mir einen Auftrieb einen Auftrieb, sag' ich ja ich möchte am liebsten Galopp laufen. Ich wäre zu einem Welt­rekord fähig, vielleicht darf ich erst einmal im Garten einen Dauerlauf machen."

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,, Sitzen sollen Sie, die Hände stillhalten und sich besser überlegen, was Sie sagen", mahnt er wie ein Lehrer. Scheinbar nehme ich jetzt erst wahr, daß ich inzwischen aufgestanden bin, stutze darüber und wandre harmlos durchs Zimmer, als hätte ich seine Mahnung überhört. Er belauert meine Schritte, die stoßweise schnell, aber immer wieder etwas gehemmt und ganz ziellos sind.

,, Ja, was glauben Sie, Herr Geheimrat, wie ich mich jetzt wieder fühle leicht wie ein Gummiball und so kräftig,

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daß ich die Sträucher dort draußen glatt ausreißen könnte. Halten Sie mich etwa für schwachsinnig, Herr Geheimrat, o da

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