praecox, der häufigsten Psychose, wenigstens der häufigsten in den Irrenhäusern. Leider kann ich an Hebephrenie, an Jugend- irresein, nicht mehr erkranken, ich bin dafür schon zu alt. Wenn man die Vierzig- überschritten hat, ist eine solche Er- krankung nicht mehr glaubhaft. Schade, sie wäre einfach zu spielen, es genügt dabei, sich möglichst töricht zu benehmen, aber man darf sich über die Umwelt noch ziemlich gut orientiert zeigen. Die Sinnestäuschungen können beliebig dumm und ver- worren sein. Da dürfte man sich alles leisten, was einem schauspielerisch gerade einfällt. Aber leider nichts für mich.
Mir kommt es ja nun darauf an, ein zuverlässiges Vademecum für mein Simulantentum zustande zu bringen. So erwäge ich unablässig und verwerfe, was nicht zu mir paßt. Oft über- anstrenge ich den Gehirnkasten so, daß mir der Schweiß läuft und die Ganglien durch den Schädel schmerzen. Nur nicht ver- gessen, daß beim ersten manischen Stadium unsinnige Heiter- keit und-übertriebene Größenideen auf der Tagesordnung stehen!
Der Weißbart Wernicke sei gesegnet, er hat mich gestern gutmütig angeglotzt:„Na, wenn wir mit dem da nichts machen können, dann soll er sich wenigstens den Bauch vollschlagen.
. Geben Sie ihm mal Kartoffelbrei!‘“ Der Schlag Kartoffelbrei
“
macht mich angenehm träge, ich möchte weniger nachdenken, innerlich auf Urlaub gehen, ein bißchen verblöden. Der Teufel hole die ganze Psychiatrie.
Nun drückt der unbekannte Spielleiter meines Kranken- dramas auf den Klingelknopf, das Zeichen schrillt durchs Stockwerk: Der Schultze-Pfaelzer soll zum Herrn Ober- medizinalrat!
Ich lasse meinen Geist noch einmal auf Probetouren laufen. Sei mannhaft und manisch! Unruhe ist die erste Bürgerpflicht!
Mit sprunghaft beschleunigten, aber unsicheren Schritten steure ich auf den Herrn Obermedizinalrat zu. Er macht mit dem lässigen Wohlwollen des gewandten Arztes die einladende Handbewegung:„Nehmen Sie Platz, Herr Doktor, nun, wie geht es uns jetzt?‘
Ich habe mich nur auf der Stuhlkante niedergelassen und wippe leicht motorisch, als müßte ich mich zu plötzlichem Auf- stehen vorbereiten. ‚Danke, danke tausendmal, Herr— Herr Geheimrat, danke Ihnen unendlich, daß Sie mir das Leben gerettet haben. Jetzt geht es wieder bergauf, ich habe einen Y jo 09


