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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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91
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Bohrungen in den tieferen, älteren Gedächtnisschichten meines Bewußtseins.

Aber nun sind wir gerüstet. Komme, was kommen mag. Narrheit, du bist im Zuge. Nimm deinen Lauf!

Am nächsten Morgen tönt es schleppend durch den Gang:

Alles fertigmachen, alles fertigmachen für den Arzt. Maximilian Schlenk spuckt in das blecherne Waschgeschirr und putzt es aus Leibeskräften. Niko erscheint mit einem trocknen Schrubber und wienert dem rissigen Linoleumboden blanke Flecke an.

Dann rollt und grollt aus der Ferne dunkles Gewitter.Un- verschämter Lümmel, raus mit dir! ‚Das ist der Wernicke', erläutert Schlenk, ‚der Weißbart tobt schon wieder, dem hat sicher wieder einer vergeblich eine Krankheit vorgeschwindelt.'

Der Riegel klappert, da ist er schon. Ich stehe mit erhobe- nem Arm, die Hand militärisch grüßend an der Stirn, und brülle ihn an:Zelle neunundzwanzig belegt mit zwei Mann! Ich brülle, daß man es einen halben Kilometer weit über einen Kasernenhof hören würde,

Was brüllt der Mann so? fragt Dr. Wernicke ganz trocken

. vor sich hin, er scheint nicht einmal ungnädig zu sein, eine sehr

laute Meldung ist ihm offenbar immer noch lieber als eine zu leise. Was hat der Kerl denn, was ist da los? fragt er mit einem Seitenblick nach dem Verwalter, der sich wie immer hinter dem Arzt möglichst unsichtbar hält.Ich weiß nicht, sagt er aus- weichend,aber der Herr Obermedizinalrat will ihn beobachten,

‚‚D0, So, so, murmelt Wernicke in seinen weißen Spitzbart, Ist bei dem'ne Schraube locker, was? Na, der Herr Ober- medizinalrat läßt doch sonst nicht mit sich spaßen. Ausziehen!

Mit fliegender Eile reiße ich mir den Kittel und das Hemd vom Leibe.Ruhig, Mann! Er glotzt in meine Pupillen, ich grinse ihn in manischer Ausgelassenheit fröhlich an.Das findet der auch noch lächerlich, meint der Arzt mit leichter Mißbilligung, aber er wird nicht böse,

Jetzt beklopft er die Kniescheibensehnen. Da darf man das Bein nicht künstlich versteifen, das merken die Ärzte sofort und nehmen es übel. Infolgedessen sind meine Kniescheiben- sehnenreflexe, also die Zuckungen der Unterschenkel, normal, Aber die Bauchmuskeln kann ich verhalten, das merkt er wohl nicht. Gelungen! Schon stellt er mit dumpfer Verwunderung fest:Der Bauchreflex ist weg.

Mit kindlichem Vergnügen lache ich ihn an und streiche das

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