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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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hinüber, draußen zeichnet sich die dunkle Laubkulisse der Platane vom bleichen Hochsommerhimmel ab. Mein Notgenosse wälzt sich in ruhelosem Halbschlaf. Ich fühle mich überwach, ich rieche wieder den sauren Odem der Schmerzensanstalt, deren brütende Stille hin und wieder von Lungenröcheln und Angstrufen zerrissen wird.

,, Schlafen Sie schon?" Ich verneine.

,, Dann sagen Sie mir doch endlich, was haben Sie eigentlich mit mir angestellt?" Die Frage kommt kläglich heraus.

,, Neben Sie's mir nicht übel, lieber Schlenk. Ich habe Sie gewissermaßen als Versuchskaninchen benutzt. Ich wollte mir die Symptomatik des Manischen einprägen. Ein schwieriges geistiges Gebilde erarbeite ich mir gern im Dialog. Man nennt das die sokratische Methode. Ich bin Ihnen für die Art, wie Sie reagierten, sehr dankbar. Es ist mir bei den Experimenten klar geworden, daß ich mich vor dem Herrn Obermedizinalrat nicht rein manisch aufführen, sondern der Erleichterung halber eine depressive Abwechslung bieten werde."

,, Sie sind also wirklich kein Spitzel?"

,, Wie kommen Sie darauf?" Er stammelt an einer Antwort herum, spricht von der drückenden Befürchtung, mich hätte vielleicht die Gestapo oder sonst wer geschickt, um ihn zu überwachen, zu überlisten, um ihn reinzulegen, damit Freisler vor Gericht noch mit einer besonderen dramatischen Sensation aufwarten könne.

,, Unsinn", entgegne ich mit Entschiedenheit. ,, Freisler hat jetzt ganz andere Sensationen. Außerdem habe ich sowas eher zu fürchten. Bei mir geht es immerhin um drei Menschenleben. Wenn Sie zum Beispiel, Herr Schlenk, mich reinlegen wollten, dann hätten Sie drei Leben auf dem Gewissen. Aber Ihre Sache liegt bestimmt viel harmloser."

,, Wo denken Sie hin", entrüstet er sich ,,, wo ich doch min­destens zwanzig Frauen verführt habe."

,, Nanu, ich dachte, Sie wären ein besonderer Pechvogel in der Liebe."

,, Verstehen Sie mich doch richtig", sagt er etwas unwillig, ,, es handelt sich natürlich um politische Verführung. Ich ging in Wien im vorigen Sommer abends meistens in den Stadtpark, da saßen auf den Bänken die Madeln und Frauen dutzendweise herum. Sie dachten gewöhnlich an einen Soldaten, aber sie nahmen zur Aushilfe auch mal mit einem Zivilisten vorlieb. Also man quatschte sie an. Und ihre dritte Frage lautete

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