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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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immer: wann ist der Krieg zu Ende? Dann legte ich los. Ich bin doch Austromarxist bis auf die Knochen. Und ich nahm kein Blatt vor den Mund. Wenn der Hitler, das Schwein, erst mal weg ist, dann wird Ruhe sein, eher nicht! Damals hatten sie in Rom gerade den Mussolini abgesägt. Nein, so billig darf der Hitler nicht wegkommen, sagte ich. Für den ist der Strick schon gedreht! Die meisten Weibsen waren begeistert. Wie die sich freuten, daß ich so feste drauflosredete. Eine meinte, dann würde die Revolution wohl nicht mehr weit sein. Und eine war ganz wie närrisch vor Freude, Sie sprang und tanzte und schrie: Dafür mußt a Busserl kriegen, du lieber Bub. Sie gab mir auch den Kuß, während die andern sich totlachten. Aber da war noch so'n tückisches Biest aus Norddeutschland im Hintergrund. Mit der hatte ich folgendes Gespräch geführt: Ich sage: Küß die Hand, grüß Gott, wie schauts? Sie ant- wortet kaltschnäuzig: Heil Hitler! Darauf ich: Du kannst mich mal von hinten. Vornehm war das gerade nicht, das gebe ich zu aber die Hitlerei ist doch noch viel säuischer. Also dieses Miststück hat einen Schupo geholt. Wehrkraft- zersetzung! Jetzt kneift sie als Zeugin, schreibt, sie könne wegen Schwangerschaft nicht kommen. Was sagen Sie zu dem Saumensch? Mir hat sie den Strick gedreht, aber jemand hat ihr ein Kind angedreht, wahrscheinlich doch ein SS-Mann, die sind doch extra dafür da. Ja, so stehts, was sagen Sie nun?

Wir wollen jetzt schlafen, Herr Schlenk. Nach acht Monaten darf ich zum ersten Male wieder jemandem gute Nacht wünschen!

Aber ich kann nur so tun, als ob ‚ich schliefe. Die Vor- täuschung, das künstliche Alsob im"Tun und Lassen scheint meine totale Bestimmung. Das Fleisch muß dem Geist gehor- chen. Habe ich nicht das Heer der Gedanken in fünfzigjährigem Kampf mit-Himmel und Erde geübt und gestählt: Wohlauf, ihr Gedanken, ihr Truppen des Geistes, macht euch bereit zur Entscheidungsschlacht!

Ich werde morgen zum manisch-depressiven Irresein starten: Dabei brauche ich keine gleichmäßige Veränderung des Ge- mütslebens durchzuhalten. Als Melancholiker müßte ich immer trübsinnig sein; da könnte der Simulant also leicht ertappt werden, wenn er mal seine Schwermut vergißt. Nur als Maniker aufzutreten, verpflichtet zu dauernder Erregung, ist also sehr anstrengend. Eine manisch-depressive Störung hingegen bringt

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