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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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zinische Abhandlungen. Aber wo hat er im Knast das Lexikon her? Also bitte, lieber Schlenk, im Vertrauen!

,, Eigentlich soll man nicht darüber sprechen." Doch er läßt sich schließlich zur Vertraulichkeit herab. ,, Das große Lexikon, das wir hier im Lazarett haben, ist eigentlich nur für ältere Lazarettkundschaft, für die Stammgäste. Die Neuen kriegen es nicht. Erst nach längerer Bewährung wird es einem mal raus­gerückt. Der Verwalter weiß von dem Lexikon nichts, es ist nicht erlaubt, und ganz neu ist es auch nicht mehr. Einige Deckel fehlen. Und sogar einige Bände. Alle Buchstaben kann man also nicht nachschlagen."

Immerhin eine wichtige Information. Tatsächlich unschätz­bar in einem solchen Lazarett. Für einen malade imaginaire schon eine Fundgrube und für mich vielleicht die Lebensrettung. Also ich werde darin Studien machen, meine Kenntnisse der Geisteskrankheiten verfeinern. Hoffentlich sind die Buch­staben G und M vorhanden.

PP

,, Mädiziiin, Mädiziiin!" hallt es von draußen über den Gang. ,, Das ist der Medizinkalfaktor Franz", erklärt mir Schlenk. , Wer was haben will, muß sich melden, sonst vergißt es der Franz. Der Franz ist nämlich mal richtig verrückt gewesen, der. war ein paar Jahre im Irrenhaus, er soll sogar getobt haben. Im ersten Weltkrieg hat ihn eine Granate verschüttet. Und ganz in Ordnung kam er wohl nie. Hat seinen Dachschaden behalten, man sieht es schon an der Steilfalte auf seiner Stirn. Jetzt sitzt er hier für ein halbes Jahr, weil er aus einer Bauern­scheune einen Korb mit Pflaumen geklaut hat. Der Gendarm hat ihn mit seinem vollen Rucksack erwischt, und da hat der Franz dann angegeben, er habe die Pflaumen im Dämmerzu­stand geklaut. Glauben Sie an einen solchen Dämmerzustand?" Eine schwierige Frage; da müssen wir uns erst den Franz besehen.

,, Mädiziiin, Mädiziiin", singt Schlenk mit seinem lyrischen Tenor, und schon steht Franz mit seinem Umschnallkasten, den die Berliner Bauchladen nennen, in der Zellentür. Franz ist ein untersetzter Mann mit grauen Koteletten und einem knabenhaft zurückgebliebenen, netten Gesicht, in dem ganz unvermittelt die Steilfalte steht.

,, Der Schlenk von Neunundzwanzig kriegt nischt mehr", sagt Franz mit väterlicher Strenge. ,, Heute morgen haste das schwarze Arsenzeug wieder ausgespuckt. Und zum Niko haste gesagt, das kommt dir vergiftet vor. Nee, solche Zicken spielen

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