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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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Sie meinten, meine Blutzufuhr zum Gehirn funktioniere nicht, Wie kann ich das beweisen, damit ich noch längere Zeit im Lazarett bleiben darf? Es wäre ja großartig, wenn ich wieder mal was Neues fände. Unregelmäßige Blutzufuhr zum Gehirn das klingt doch nach was!

Mein lieber Herr Schlenk, ich klopfe ihm freundschaftlich auf die Schulter, ‚‚wir verstehen uns nach und nach. Zunächst ist allerdings nur bewiesen, daß es mit Ihrer Manie seine Rich- tigkeit hat. Ihr letzter Stimmungswechsel zur liebenswürdigen Entschuldigung war verblüffend beweiskräftig.

Und habe ich etwa keine falsche Blutzufuhr zum Gehirn?", trumpft er auf.Ich habe sie! Mein Blut ist eben total kaputt! Nichts als weiße Blutkörperchen! Und ich weiß auch, wer daran schuld ist! Die Ärzte sind daran schuld, die Ärzte, die mir immer falsche Medizinen geben, wenn ich sie um die richtigen bittel Jeder Satz ist eine,schnelle Anklage.

Stimmt, stimmt, Herr Schlenk. Was Sie sagen, ist aus- gezeichnet. Immer andre Schuldige zu suchen, ist schon wieder echt manisch. Erst waren die Weiber dran schuld, dann der Militarismus, und jetzt sind es die Ärzte!

Maximilian Schlenk sinkt ganz in sich zusammen. Ich weiß nicht, ob er alle meine Beweise in sich aufnimmt. Er ist mit seiner Anaemie beschäftigt.

Elf Monate und drei Wochen bin ich schon in Haft, be- richtet er jetzt mehr melancholisch versonnen als manisch erregt. Elf Monate und drei Wochen, wiederholt er monoton. ‚Meine Knie versagen, bald werd ich überhaupt nicht mehr laufen können. Seit meine Anaemie perniziös ist, helfen auch die Spritzen nur noch ganz vorübergehend.

Woher wissen Sie, daß ihre Anaemie perniziös geworden ist? Die Frage stelle ich mit lauernder Überlegung, denn ich möchte herauskriegen, ob er sich den perniziösen Charakter einbildet. Und wenn es so ist, wo kommt die Einbildung her?

‚Ja, die Anaemie ist allmählich perniziös geworden, ich habe es gleich befürchtet. Und meine Angst war richtig. Natürlich hüteten sich die Gefängnisärzte, mir das zu sagen. Aber ich habe es im Lexikon nachgelesen. Es stimmt. Alles, was da über das perniziöse Stadium des Leidens steht, trifft auf mich zu.

Aha! Er trägt sich seine Leiden aus dem, Lexikon zusammen. Das ist auf leichten Stufen geistiger Erkrankung so üblich. Melancholische grübeln, Manische ereifern sich über medi-

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