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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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ist bei Ihnen die Blutzufuhr zum Gehirn zu unregelmäßig ge­worden. Sie merken doch, Herr Schlenk, wie fabelhaft schnell und weitschweifig ich kombiniere. Das gehört zu meinem eigenen manischen Krankheitsbild. Achten Sie bitte darauf. Alle Weit­schweifigkeit, alle kombinatorische Sprunghaftigkeit, die nicht in unlogische Verwirrung ausartet, ist ihrer Natur nach manisch." Abwehrend hält er mir seine weißen Hände entgegen. ,, Ich verzichte darauf. Lassen Sie mich bloß in Ruhe. Sonst rase ich noch wirklich! Nein, ich denke nicht daran. Ich lege immer noch Wert auf meine Gesundheit. Ich habe nicht den geringsten manischen Klaps."

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Dazu kann ich nur beifällig nicken und doziere weiter. ,, Bei den Manischen besteht im allgemeinen keine Spur von Krank­heitseinsicht. Meine Diagnose ist also richtig. Je mehr Sie leugnen, desto mehr bestätigen Sie mein Gutachten. Sehen Sie, beim Melancholiker zum Beispiel, dem extremverwandten Gegentypus des Manikers, findet man volle Einsicht in den gleichmäßig traurigen Zustand. Der Melancholiker gibt sogar ganz offen zu, daß er Selbstmordgedanken hat, der Maniker aber bestreitet das entschieden, er regt sich sogar darüber auf, wenn man ihm seine Lebensüberdrüssigkeit und Selbstmord­ideen nachsagt."

Mein Leidensgefährte springt zitternd aus dem Bett. ,, Herr, jetzt machen Sie aber Schicht. Gesund will ich werden! Warum piesacken Sie mich? Warum verdächtigen Sie mich? Ich finde nichts so schrecklich wie den Tod. Leben will ich, denn ich habe ja immer so lange bei Muttern gesessen und Pech bei den Weibern gehabt und viel zu wenig gelebt. Mein Leben soll erst beginnen, wenn ich hier raus bin. Und ich könnte mich sogar selber aufhängen, wenn ich hinterher ein schöneres Leben im Jenseits fände. Kommt noch etwas nach dem Tode? Was meinen Sie ich glaube kaum."

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Wieder nicke ich Zustimmung. ,, Sie bestätigen erneut, was ich diagnostiziere. Es fehlt bei Ihnen jede Einsicht in den manischen Zustand. Sie wissen jetzt gar nicht, daß Sie immer in Gefahr sind, aus der manischen Sucht, ein bequemes Ideal­leben zu suchen, einen Anschlag auf Ihr reales Jammerleben zu verüben. Am liebsten würden Sie für Ihren manischen Kadaver auch noch Unsterblichkeit verlangen."

Er kriecht auf sein Lager zurück. ,, Entschuldigen Sie", sagt er jetzt voll unsicher tastender Sanftmut. ,, Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir noch eine Aufklärung geben wollten.

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