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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Maximilian Schlenk so heißt er nach den großen: Kreide- buchstaben auf der Krankentafel zu seinen Häupten setzt sich eine große Brille auf und fixiert mich mit seinen arsen- blanken Augen, er bohrt an meiner einundneunzigpfündigen Erscheinung herum, als wäre er selber der Teufel, der in mir wütet.

Eines erkenne ich klar: so geht das nicht. Wir müssen uns verständigen oder trennen. Entweder spielen wir nach außen beide verrückt und kommen überein, daß wir untereinander normal sind. Oder er überläßt mir allein die Rolle des Geistes- kranken und bemüht sich, möglichst vernünftig zu sein. Oder wir benehmen uns gegeneinander verrückt, gleichviel, ob man's ist oder nicht dann wird man den einen doch bald absondern müssen.

Herr Schlenk, wir müssen uns zusammenreißen, sage ich in verständigem Ernst,wir sind Gefängniskameraden. Wir wollen miteinander reden, als ob uns gar nichts fehle. Wenn Sie sich vor Arzt und Aufsehern meschugge benehmen müssen, bitte, das ist Ihre Sache, das geht mich nichts an. Und wenn ich nach außen hin durchgedreht bin, dann habe ich meine Gründe, und das bleibt meine Sache. Aber wir dürfen uns hier in der Zelle nicht auch noch das Leben sauer machen.

Mein Gott, jetzt habe ich vor ihm kapituliert, ich merke es erst, als ich den verständnisvollen Hohn in seinen Mienen lese.

Also schön, ich bin durchaus nicht schwer von Begriff, er- widert er mit spielerisch lächelnden, schmalen Lippen. Sein Mund wirkt eigentlich nur als Strichschatten in dem schmalen Wachsgesicht. Seine Persönlichkeit hat allerlei Anlagen, ist aber nicht fertig geworden. Jedenfalls kein stabiler Durch- schnittsmensch, sondern ein schwieriges Individuum. Ein Stück- chen Psychopath.

Ich begreife vollkommen, fährt er fort,daß man sich gezwungen sieht, den Verrrückten zu spielen, ich müßte es eigentlich auch viel regelmäßiger tun. Ich habe es auch schon versucht. Aber wissen Sie, die Ärzte nehmen mich dabei niemals ernst, sie tun so, als ob ich mich gar nicht verrückt gebärdete. Vielleicht müßte ich noch stärker auftragen, etwas toller übertreiben. Aber gerade das fällt mir so schwer. Sie haben den Bogen besser raus!

Seine Anerkennung erfreut mich nicht. Was nutzt es, gut gespielt zu haben, wenn man nicht durchhält, wenn manssich

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