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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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Wenn er etwas übergeschnappt sein sollte, so ist er jedenfalls unberechenbar und legt mich womöglich ohne Absicht rein.

Zudem beginnen jetzt eben wieder meine Schmerzen. Will jetzt die echte Krankheit der unechten einen Streich spielen? Es bohrt in den Hämorrhoiden. Das Sitzen tut mir weh, ich brauche gar nicht zu simulieren, ich bin doch wirklich krank, ich wiege nur noch 91 Pfund. Bei einer Größe von 1,76 ist das ungefähr 30 Pfund unter dem Normalgewicht. Vor einem Jahre wog ich 154 Pfund; ich habe also 63 Pfund in der Haft verloren, davon das meiste in der grauenhaften Lehrter Straße . Jawohl, ich bin krank, ich gehöre wirklich ins Lazarett. Wie sehe ich denn aus? In meiner Heimat würde man sagen: wie'n Vergiẞmeinnicht mit Spucke.

Während dieser halb statistischen, halb lyrischen Selbst­betrachtung schweige ich mich unnatürlich lange aus, indem meine Blicke wie Irrlichter durch die Zelle kriechen und flitzen. Also nun frischauf, ich muß beweisen, wen mein Zellenpartner vor sich hat.

,, Mir ist nämlich der Teufel in den Hintern gefahren", sage ich weinerlich. ,, Mit seiner spitzen Kralle sticht er mir im Darm herum. Es ist nicht zum Aushalten. Und ich kann den Teufel nicht austreiben."

Maskenhaft starrt mich mein Gegenüber an. Dann faßt er sich mit den Gesten gesträubten Entsetzens in den Haarbusch. ,, Das habe ich ja immer gefürchtet, mal legen sie mir noch solch einen rein." Er seufzt vor sich hin. ,, Da kann man nix machen. Aber warten Sie mal, ich kann vielleicht noch von Ihnen lernen. Mir fällt es nämlich so schwer, benommen zu sein. Ich muß nämlich benommen bleiben, sonst fliegt man hier raus. Nein, nein, was rede ich da schon wieder, ich bin nämlich wirklich benommen. Weil ich nämlich falsche Medizinen. kriege. Mir fehlt nämlich Digitalis fürs Herz, und meine echten Ampullen mit Pernaemyl liegen beim Hausvater. Dafür werde ich jetzt langsam mit Arsen vergiftet. Aber nun bleiben Sie bloß ruhig! Sagen Sie gar nichts, ich werde Sie in Ruhe lassen. Ich werde Sie nur beobachten. Pst! Sprechen Sie nicht, legen Sie sich erst mal hin. Sonst machen Sie mich noch total verrückt, und dann gibt's bestimmt ein Unglück." Er hat abwechselnd mit sich und zu mir gesprochen.

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Auf solches Gerede war ich nicht vorbereitet. Die Sache wird- viel schwerer, als ich dachte. Meine Gedanken müssen erst mal den Tatbestand sezieren. Was tun?

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