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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
77
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D,

Ir

gar nicht erst vormachen. Also dann ist das erledigt.

ist der Schlenk nicht durchgedreht, ich lasse mir solche Touren

Dem Mann mit der eckigen Hast soll ich folgen. Ich schleiche mit dem Sack die Treppe hinauf; süßsäuerlich schlägt mir die warme Krankenluft entgegen.Dalli, dalli. Schleppt so'n Mensch die ganze Lumpenwirtschaft mit. Fix, fix, wirds bald?

Ich lege die Hand auf die Stirn und seufze abgründig auf.

Luft holen können Sie nachher. Schweinerei ist das! Anjejeben wird hier nicht. Die Lumpen kommen nachher zum Hausvater. Wer hier anjibt, kriegt morjens keen Kaffee. Rin da!

Er reißt die Zellentür auf.Und wenn Sie klingeln, wenn Sie dämlich klingeln, dann hol Sie der Henker! Die Klingler hab ich jefressen, die soll der Henker holen!

Nein, ich werde nicht klingeln, schießt es mir klug durch den Kopf, ich habe mich ja hier eingemogelt, damit mich der Henker nicht holt.. Aber das ahnt diese eilige Hilfsfigur nicht.

Die Krankenzelle 29, in der ich soeben lande, macht einen beinahe freundlichen Eindruck; ich bin ja mit dem Wohnen auch nicht mehr verwöhnt. Drei Eisenbetten füllen den ganzen

. Raum, aber ein großes Fenster, das nur zur Hälfte mit Pappe

vernagelt ist, führt ins Freie, in den Gartenhof, und das Grün einer Baumkrone schimmert herein.

In dem Bett, das dem Fenster am nächsten steht, hockt eine wächserne, gebrechliche Menschengestalt, die Arme um die hochgezogenen Knie geschlungen. Ich bemerke zuerst eine fliehende Stirn mit anschließender hochgebürsteter Mähne; die süchtigen Augen haben einen schillernden Glanz, Das ist also der, über den man sich nicht einig war. Wie sagten sie doch? Durchgedreht, wenn ich recht gehört habe. Oder auch nicht durchgedreht? Einerleil Oder vielmehr gar nicht einerlei. Alles ist wichtig. Jeder Umstand kann mit mir Schicksal spielen. Ich habe das bockige Fatum rumzukriegen. Also Achtung, aufgepaßt!

Fürs erste hauche ich nur ein dünnes Gutentag und lasse mich mit dem Seelenblei der Schwermut aufs Bett sinken. Servus, sagt er mit wienerischem Tonfall. ‚Wo kommens denn da hergeschneit? Wie schaut's mit Ihnen aus?

Was soll ich antworten? Soll ich normal sein? Oder ver- rückt? Oder abwechselnd beides? Ich muß Entschlüsse fassen, ich muß handeln. Es ist vielleicht sicherer, wenn er mich für meschugge hält. Denn wer kann wissen, welch Geistes Kind er ist. Wahrscheinlich kein Nazi. Aber ist er zuverlässig?

DT