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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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gleich darauf enthüllt. Kein Zweifel, ich habe hier versagt. Wenn das so weitergeht, bin ich verloren

Der Zufallsgenosse muß zum Verbündeten erzogen werden, anders geht es nicht. Wir müssen uns helfen, und dazu wollen wir umeinander Bescheid wissen. Da ich fühle, daß ihn mein volles Vertrauen angenehm berühren würde, beginne ich ihm eine kurze, ausgewählte Geschichte meiner Nöte zu erzählen.

,, Volksgericht", unterbricht er mich ,,, ich auch. Ich war auch beim Freisler. Hat mich runtergeputzt, daß ich gar nicht wußte, ob ich noch lebe. Und dann mußte er doch vertagen."

Wie die Fügung doch die Duplizitäten liebt! Daß er auch als Anti- Hitlermann vom ersten Senat verarztet wird, bringt uns automatisch näher. Nun will ich seine Geschichte hören.

Da poltert ein Lazarettkalfaktor ins Zimmer, ein weiß­blonder herkulischer Mann mit unwahrscheinlich hellblauen Augen und mächtigen roten Greifarmen.

,, Ich bin der Niko", versichert er treuherzig mit einem quetschenden Akzent ,,, der Niko aus Holland, daß du's gleich weißt. Eigentlich bin ich der Leichenträger. Wir wollen jetzt baden gehn." Ein gemütliches Haus und bald als treue Seele bewährt. Er beschäftigt sich lieber mit den Lebenden als den Toten. Vorläufig bilden die Leichen noch die Minderheit.

Im Baderaum stehen zwei ehemals weiße Wannen von ge­waltigem Tiefgang. Niko läßt die Hähne laufen, das heiße Wasser dampft, und ich rüste mich zu dem ungewohnten Genuß. Wie das wohltut, in der warmen Flut zu plätschern. Niko setzt sich neben mich auf den Stuhl und dreht sich eine Zigarette, nachdem er festgestellt hat, daß der Wachtmeister unten ist.

"

, Verdammt mager", sagt er prüfend ,,, da darfst du nicht so heiß baden und auch nicht lange. Wir werden dich ein bißchen rausfuttern. Man muß doch was auf den Knochen haben. Ich bin immer für gut essen und trinken gewesen. Die Deutschen fressen nämlich im allgemeinen nur im Ausland, da aber machen sie gleich Kahlfraß. Na, ich hab' das Hungerleben in Deutsch­land nie mitgemacht. Dafür sitze ich schließlich hier und lebe sogar im Knast nicht schlecht. Aber wart' mal, ich sorge auch für euch ganz gut. Und für Politische erst recht. Du mußt nur aufpassen, daß dich der Doktor Wernicke nicht gleich raus­schmeißt."

Ich erfahre, daß der Dr. Wernicke hier der Visitenarzt ist, der alle zwei Tage durch die Zellen stampft. Er sei ein teil­

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