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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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,, Wie konnten Sie eigentlich an einer hohen Dienststelle gegen den ganzen Apparat arbeiten?", fragt er mit halbgläu­bigem Kopfschütteln.

,, Die äußeren Widerstände waren nicht so stark, wie Sie denken. Die Intelligenz- Schicht unserer Offiziere befand sich in einer zwiespältigen Verfassung. Zu welcher Treue und Untreue durfte man sich bekennen? Viele wanden sich unter einem inneren Fragezeichen. Das entscheidende Unheil von der Nation abwenden zu wollen, erforderte eine Tapferkeit, die mehr einsetzte als das gewöhnliche Leben, nämlich die Ehre der tieferen Existenz. Wir hatten im nassen Schatten des Ver­rats zu kämpfen, und viele fürchteten die unsichtbaren Keulen der Schande. So brachten es die Schwächeren nur zum Zynis­mus. Das sah in praxi folgendermaßen aus: Ein hoher Offizier an der Spitze meiner Hauptabteilung äußerte sich über mich einmal so: Lassen Sie den Schultze- Pfaelzer und Konsorten doch ruhig anteigen. Wenn die ganze Geschichte schief geht, haben wir wenigstens einige unter uns, die nachweislich von vornherein dagegen waren. Also das sind die schwächeren Gestalten, die Zyniker. Die schlechteren Kerle waren jene, die sich vorsichtig auch am Verrat beteiligten, um in der Sekunde, in der der Aufstand mißlingen sollte, noch mit Entrüstung den Rückweg zur Hitler- Diktatur zu finden. Das sind die Schwäch­lichen und die Schäbigen, die sollte der brave Landser an der Front verachten, nicht uns, die wir den ehrlichen Weg zum erfolglosen Umsturz und zum Volksgerichtshof ge­gangen sind."

Seine Augen glühen auf wie glimmende Holzkohlen in der Zugluft. ,, Ach, wie bin ich glücklich", jubelt er gedämpft, ,, glücklich, daß ich zuletzt doch zu den Konsequenten des Um­sturzes gehört habe. Ich will ehrlich sein, es war für mich sehr schwer. Ich habe geschwankt. Ich war meiner selbst noch fast bis zuletzt nicht ganz sicher. Aber jetzt ist das vorbei, jetzt erreichen mich Schwäche und Schlechtigkeit nicht mehr."

,, So muß es sein", bekräftige ich. ,, Das Bewußtsein der letzten Konsequenzen ist das einzige, was uns Kraft geben kann. Kraft zum Kampf, uns für eine neue Zeit zu erhalten."

Er nickt in heller Versonnenheit. ,, Gut, das machen wir. Aber wie wollen Sie sich schützen?"

,, Ich muß wieder unecht werden, Signore!" Und während ich das sage, komme ich mir plötzlich lächerlich vor, daß ich los­platze. Die Stimmungsextreme wohnen so nahe, Pathos kippt

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