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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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Zunächst will ich schweigen, das ist noch immer eine goldene Parole. Ich schüttle angstgehemmt den Kopf.

,, Na, wollen wir denn gar nichts sagen? Haben wir nicht irgend was auf dem Herzen?" Jetzt behandelt er mich wie ein kränkelndes Kind, das eine gewisse Schonung verdient, auch wenn es eben ungezogen war. Es hilft nichts.

Seine Unterlippe schwillt und füllt sich mit Unwillen.., Ja, wenn Sie widerspenstig sind, dann müssen wir Sie in eine ärzt­liche Behandlung nehmen, die Ihnen nicht gefallen wird."

Aha, das dürfte wohl so eine Art von amtlichem Irrenarzt sein. Jetzt muß ich endlich etwas von mir geben. Nur Mut, mein Partisanengeist, greif' nur hinein in den überfließenden Topf der Torheiten!

,, Retten Sie mich", stöhne ich auf. ,, Wenn mich die Bolsche­wisten noch lange eingesperrt halten, dann nützt mir der ganze deutsche Volksgerichtshof nicht mehr. Ooooh!"

Nach dem langen Seufzer falle ich wieder in dunkle Apathie. Hinter der mürben Maske arbeitet mein kämpfendes Hirn. Was habe ich ihm da eigentlich vorgespielt? Wie wäre mein Ver­halten psychiatrisch zu deuten? Offenbar eine depressive Psychose. Aber das ist nicht genug, das genügt doch höchstens für den Augenblick. Ich muß bessere, planvollere Einfälle haben.

,, Angstpsychose mit Verwechslungskomplexen", flüstert der Altere feierlich.

,, Er macht uns einfach zum Narren, Herr Obermedizinalrat", brummt der Jüngere.

Also der Wichtigtuer ist der Obermedizinalrat und Chef­arzt von Tegel , ich glaube Büttenberg soll er heißen. Noch weiß ich nicht, daß er ein großer Gerichtsspezialist für mente captus ist.

Die beiden Arzte ziehen sich hinter den Gazeschirm zurück. während ich scheinbar geistesabwesend auf die Spritzflecken an der Wand stiere und meine Hände vor dem Magen ver­krampfe, als wäre ich noch gefesselt. Als mich eine Fliege belästigt, wackle ich unwillig mit dem Kopf, ohne die Hände zur Abwehr zu bewegen. Da die Fliege noch nicht weichen will, mache ich einen heftigen Schritt zum nächsten Schrank und reibe den Kopf am Holz, um die Fliege zu vertreiben. In den Zeiten der Fesselung konnte ich mich manchmal nur auf solche Weise der Insekten erwehren, diesen Selbstschutz hatte ich früher bei Pferden beobachtet.

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