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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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in einer Theaterszene, die im Sprechzimmer eines Arztes spielt. Diese nickelblanken Kugeln da haben noch keinem Heilung ge­blinkt. Alle diese Schalen, Flaschen, Spiegel, Instrumente sind nur für Besichtigungen so blank geputzt. Ich muß an das Matthäuswort denken: ,, Ihr Heuchler, die ihr seid wie die über­tünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber in­wendig sind sie voller Totenbeine und allen Unflats!"

Tarnung gegen Tarnung! Nein, ihr Herrschaften, ich heuchle nicht wie ihr aus gleichgültigem Herzen. Wenn ich heuchle, kämpfe ich. Ich bin ein Aufständischer, ein Partisane des Geistes.

So, jetzt komme ich dran. Ich stehe einen Augenblick in dem stickigen Nebel totaler Interesselosigkeit. Dann sagt der Wacht­meister nach einem Blick in die Liste: ,, Das ist er." Und der stumme Funktionär der Gerichtsmedizin beschäftigt sich mit meinem nackten Gerippe etwas länger als mit den andern, es mögen zwanzig Sekunden sein. Wortlos malt er ein paar Zeichen und murmelt: ,, Darf ich jetzt bitten!"

Hinter einem grünen, durchsichtigen Gazeschirm erhebt sich eine kräftige Gestalt und schreitet mit betontem Vollgewicht auf mich zu. Offenbar ein andrer, ranghöherer Arzt. Seine Blicke sind voll routinierter Freundlichkeit, seine Haut ist allzu gut geschabt, als ob er sich alle paar Stunden rasiere, und auch seine Kleidung ist für einen prominenten Mann um einen Stich zu sorgfältig. Die ganze Erscheinung erweckt den Eindruck, als täte er in allem eine Nüance des Guten zuviel. Jedenfalls ist er keine von den Durchschnittsgestalten der Gefängnisse. Also bin ich bereits ein Sonderfall. Denn dieser exklusive Fachmann verschwendet sein kostbares Urteil nicht an jeden kranken Knastologen.

,, Also wir haben die Sache satt, wir spielen nicht mehr rich­tig mit? Nicht wahr, Herr Schultze- Pfaelzer, wir sind mit den Nerven fertig, wir wollen es mal anders rum versuchen. Bitte schön, versuchen wir." Seine Stimmbänder sind um eine Idee zu gut geölt. Sogar das Nichtssagende ist bei ihm um eine Kleinigkeit zu bedeutungsvoll.

Er wartet, ich warte auch. Ich bin mir über meine künftige Rolle noch längst nicht klar. Nur nicht unvermittelt den wilden Mann markieren! Ich weiß ja, daß die meisten Simulations­versuche an der wüsten Übertreibung scheitern. Auch der Un­sinn hat seine Sinngesetze, auch das Chaos entfaltet sich nach Prinzipien.

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