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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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zu reisen, um den Beweis zu erbringen, daß ich wirklich für den Frieden und keineswegs als Kriegshetzer gearbeitet hätte.

Dieses klägliche Potpourri von falschen Melodien schicke ich vorsorglich ,, eingeschrieben" an den Ersten Senat des Volks­gerichtshofs ab. Dieses Schreiben wird dreimal quittiert. Es ist ein gewichtiger Aktus. St. Bürokratius legt die Finger falsch an die Hosennaht.

Ich hatte bei dieser Schriftstellerei den Federhalter von Zeile zu Zeile etwas weiter zwischen den Fingern durchgeschoben, so daß er zuletzt schon etwas steuerlos über das Papier glitt, wo­durch dann der Eindruck wachsender Zittrigkeit entsteht. Dieses Tarnungsmanöver kenne ich aus der Graphologie; auf solche Weise kann man sogar die weisesten Handschriftendeuter stutzig machen.

Harre, mein Herz, jetzt muß Freisler diesen Blumenstrauß meines Geistes schon seit Tagen in den Händen halten. Was wird er tun? Von meinem dritten Anwalt, der trotz seiner Leichenbittermiene mein Glücksanwalt werden soll, muß er auch schon die Kunde haben, daß mit mir nicht mehr zu ver­handeln sei.

Sei still, meine Seele, irgend etwas wird sich ereignen. Ich verhalte mich auch nicht mehr poetisch- schöpferisch, ich. döse einfach den Ereignissen entgegen.

Eines Morgens heißt es endlich: Schultze- Pfaelzer zum Sani­tätsrevier. Dann stehe ich in der krummen Reihe der soge­nannten ,, Krankmelder". Einer nach dem andern, der jammer­voll hineinhumpelt, kommt wie von einem Stahlbad verjüngt ganz schnell herausgehüpft. Aber diese überraschenden Heilun­gen bewirkt nicht die wundersame Kur eines großen Arztes, sondern das Donnergeschnauze eines Sanitätswachtmeisters, der nach der unendlich flüchtigen Betrachtung durch einen approbierten Medizinalbeamten mit dem Spitznamen ,, Fern­seher" die rüde Diagnose liefert.

Durch die offenstehende Tür der Revierstube sehe ich mir diesen ärztlichen Unfug eine Weile an. Meine Hoffnungen sinken auf den Nullpunkt, ich denke: gleich wirst du dran sein. Der stumme Medizinmann wird dich zehn Sekunden stramm­stehen lassen, und dann wird der Wachtmeister die Musik krähen, die dich wieder hinausbegleitet.

Bevor ich dran bin, sehe ich mich in der Revierstube um. Die medizinischen Ausrüstungsstücke sind hier nur Requisiten wie

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