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Ich merke, wie mich die beiden Ärzte durch den Schirm mit gelangweilter Berufsneugier verfolgen.
„Eine gewisse Haftpsychose ist nicht zu verkennen“, sagt Dr. Büttenberg leise. ‚Ich kann ihn verstehen, weil er seine Silben im Bewußtsein seiner personellen Wichtigkeit stark artikuliert. i
„Etwas Haftpsychose haben schließlich viele, und ich glaube, der Mann übertreibt. Körperlich runtergekommen ist er ohne Zweifel, ich denke aber, es wird genügen, wenn wir ihm vier- zehn Tage Vormittagsbrei und etwas Magermilch geben.“ Der Ungesprächige hat nur dem Chef zu Ehren eine so lange Rede wegen eines einzigen dämlichen Gefangenen gehalten.
„Möglich, daß Sie recht haben, Herr Kollege“, sagt Bütten- berg langsam.„Aber für diesen Fall interessieren sich bereits die höchsten Instanzen. Gestern nachmittag wurde bei mir im Auftrag des Herrn Reichsministers Goebbels telephonisch an- gefragt, ob es sich bestätige— Er spricht ein paar Sekun- den lang leiser.„Was ist da zu machen? Schicke ich ihn so, wie er sich aufführt, zum Termin— ja, das gibt Malheur. Da ist es schon besser, ich nehme ihn für eine Weile zur Beob- achtung ins Lazarett.‘
„Ganz wie Sie wünschen, Herr Obermedizinalrat.— Marsch, der Nächste!‘
Wie von einem geheimen Luftdruck befördert, stehe ich wie- der draußen im Treppenhause und reihe mich an die gereckte Krankenschlange. Meinen dritten Vordermann müßte ich eigent- lich kennen, ich bin ihm bestimmt schon begegnet. Aber wo? Dieses glänzende schwarze Haar, dieser hohe, sich rhythmisch leicht in den Hüften wiegende Körper— jetzt wendet er sich etwas zur Seite, ich sehe ein schöngeschnittenes Profil in hell- dunklem Bronzeton, wahrhaftig das Bild eines jungen Mannes, wie man es nicht häufig erblickt und noch schwerer vergißt. Nun weiß ich Bescheid. Es mag so ziemlich zwölf Monate her sein, jawohl, es war im August 43, als ich ihm begegnete. Wie kommt er hierher? Wie bin ich schließlich selber hergekommen?
Ein Platztausch ist nicht schwer, das gehört zur Knast- kameradschaft, sobald kein Wächterauge lugt. Bald bin ich unmittelbar hinter ihm.
„Buon giorno, Signore!“— Er dreht sich erstaunt nach mir um. Kein Zweifel, diese schwarzblau leuchtenden Augen im blanken Guß des Kopfes sind nicht alltäglich.„Ich habe die Ehre, Sie zu kennen, entsinnen Sie sich nicht mehr?“
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