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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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nervösen Herrn, der sich auch noch für einen totalen Nazi hält, obwohl er seiner biologischen Artung nach das Gegenteil ist. Er spintisierte über politischen Verrat und deklamierte den großen Monolog aus Schillers Wallenstein: ,, Wär's möglich, könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte, nicht mehr zurück, wie mir's beliebt? Ich müßte die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht-"

Als Erkenntnistheoretiker und Geschichtsphilosoph mag dieser Rechtsanwalt mit dem doppelten Doktortitel auf zwie­fachem Gipfel stehen, an seine Talente in der forensischen Praxis vermag ich nicht recht zu glauben. Wallensteins Ende ist für mich keineswegs ermutigend, und auf die Ehre des Ver­gleichs mit dem interessantesten Hochverräter der deutschen Geschichte lege ich im Augenblick keinen Wert. Wallenstein wurde auf Grund eines illegalen Todesurteils ermordet; der Volksgerichtshof mordet legal, der Unterschied ist nicht groß, und es kommt auf dasselbe hinaus.

Die Kalfaktoren rasseln mit Kessel und Kelle. Auf das graue, laue Kaffeewasser verzichte ich, es macht stumpfsinnig und belastet die Blase. Als Terminer bekommen wir heute außer der trockenen Morgenkuhle zwei Doppelkuhlen mit Margarine, sie bilden die tröstende Stärkung am Tag des Gerichts.

Ich spüre plötzlich Heißhunger und schlinge alle Kuhlen hintereinander herunter, ich möchte noch viel mehr davon herunterwürgen. Es ist eine dunkle, müde Gier, die in mir mechanische Kau- und Verdauungslust erzeugt; die übrigen Teile meiner Person sind daran kaum beteiligt.

Vor den Tortrümmern der verwüsteten Zwingburg wartet schon die ,, grüne Minna", eine schwere motorisierte Minna mit mehreren größeren und kleineren Gitterboxen. Das Volks­gericht in der Bellevuestraße ist immer das letzte Fahrziel der ,, grünen Minna"; von der Lehrter Straße sind heute nur zwei Mann vors Volksgericht geladen, mein Tatgenosse Klaus von S. und ich. Leider haben sie Klaus, dessen hohe Gestalt ein paar Meter vor mir einherstelzte, gleich in einen Solo- Käfig neben dem Kraftfahrer gesperrt, wir konnten uns nicht einmal durch Blicke verständigen.

In meinem Verschlage, den zwei Sitzbretter durchziehen, wird gelacht und gelästert; in der verdickten Luft ringeln sich die Gemütsbewegungen wie langsame Staubwellen-

Ah, die letzte dort, die beim Halten in Moabit in die Ecke

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