Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
10
Einzelbild herunterladen

,, Und trotz der Blindheit Untersuchungshaft?" frage ich teilnehmend.

,, Neun Monate schon", erzählt er in der hastigen Mitteil­samkeit der Gefangenschaft. ,, Aber heute werde ich frei­gesprochen. Meine Mutter meint, ganz bestimmt. Weißte, weil ich blind bin, wollte ich gern ein Radio haben. Abends ist es so blöde, wenn man nicht kieken kann. Aber ich verdiene nicht viel. Da fand ich im Pappkasten meiner Zerreißmaschinen- zwei Papiere, die faßten sich wie große Geldscheine an. Mein Kamerad sagte mir, das seien Reichskreditkassenscheine, und jeder Schein sei hundert Mark wert. Und da habe ich, weißt du, mit den zweihundert Mark mein Radio bezahlen wollen, aber der Kerl an der Kasse fragt, wo ich die Scheine herhabe, und läßt die Polizei kommen. Und deswegen bin ich hier, aber heute werde ich freigesprochen, das meinst du doch auch?" ,, Armer Kerl", flüstre ich zurück. ,, Tust mir mächtig leid. Aber freisprechen werden sie dich nicht. Unterschlagung kann sich kein Staat gefallen lassen."

-

,, Also bist du ein Nazi", sagt er bitter enttäuscht.

"

Ganz im Gegenteil", versichere ich mit leichtem Seufzer. ,, Auf meiner Spinnkarte"( knastologisch für Gefangenenaus­weis) ,, steht das große H. mit Punkten dahinter. Das heißt Hochverrat zu mehreren, Hochverrat als Verschwörungsdelikt. Wir kommen heute vors Volksgericht."

,, Au Backe", er rückt erschrocken ein Stückchen von mir ab. ,, Warum machste auch solche Zicken! Hochverrat, so was könnte mir nu gar nich passieren. Aber wenn du mir nicht mal das bißchen Freiheit gönnst, dann brauchen sie mit dir auch kein Mitleid zu haben."

Ich ziehe trübe die Schultern hoch. ,, Ein trauriges Mißver­ständnis. Ich wünsche dir zwar nicht den Freispruch, aber ich gönne dir die Freiheit. Leider willst du mich wohl nicht verstehen."

,, Nein", sagt er böse ,,, ich will dich nicht verstehen, dich schon gar nicht. Sei mal erst blind, dann quatschst du nicht so." Der Tag wird schwül, das Gespräch bedrückt mich. Habe ich herzlos geredet?

Schon würge ich an einem andren Mißgeschick. Vor einigen Wochen wurde mein Anwalt durch Bombensplitter und Phosphor­brand verletzt; er hat das Gericht vergeblich um Aufschub des Termins bis zu seiner Genesung gebeten. Gestern schickte man mir einen anderen Verteidiger, einen sehr gelehrten und sehr

10