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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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gestoßen wurde, müßte doch meine Frau sein. Sie ist es! Ich sehe ein aschgraues, gedunsenes Gesicht mit vorquellenden Augen, sie scheint in diesen Monaten um zwanzig Jahre gealtert zu sein. Ihre frischen Farben sind bis auf die letzte Spur von der Not zerwaschen, ihre Schultern hängen schmal und schlaff, sie kommt ja aus der berüchtigten ,, Frauenmühle", dem Kon­zentrationslager Ravensbrück im Mecklenburgischen.

Ich wage nicht, sie anzurufen, wo sollten meine Gedanken bei ihr anfangen, ich liege in ängstlichem Bann. Sie hat mich er­kannt. Aber auch sie scheint über meine Erscheinung befrem­det, ich fürchte, ihr kommt mein Kopf um die Hälfte ver­kleinert vor.

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Nur ein paar krause Tränen quellen unter ihren langen Augenwimpern. Sie ist ganz in Schwarz, in beinahe vorschrifts­mäßiger Trauertoilette. Ich glaube, früher hätte sie zu diesem Kostüm eine weiße Rose getragen. Mit schwarz behandschuhten Fingern bastelt sie aus einer Tasche ihre Moabiter Mittags­kuhlen und wirft mir quer durch den schlenkernden Käfig die Brotstücke zu.

Ich nehme sie ohne Dank in fahriger Freude, verspüre schon wieder Heißhunger und beginne sogleich in dumpfer Gier an dem Brot zu kauen und zu schlingen.

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- ein

Ja, so unberechenbar benimmt sich der Mensch psychologischer Romanschreiber würde mir wohl in meiner Situation alles andere andichten, nur nicht stupide Freẞlust.

Wir biegen in die Tiergartenstraße, die verlassenen Millio­närsvillen starren als protzige Ruinen in die unbarmherzige Julisonne. In den Vorgärten recken sich die Leuchtkuppeln der Hortensien grell oder sanft über Gipsschutt und Sandstein­splitter. Die feuchte Blätterhaut des Tiergartens wird von gelben Bombentrichtern vereitert.

Zerknüllte Fußgänger schauen einen Augenblick forschend der sausenden Plumpheit unserer ,, grünen Minna" nach; sie mögen wohl denken: was für eine geheime Fracht haben die Nazis da schon wieder geladen? Von beschädigten Helden­brüsten blinkt das Parteiemaille, das bunte Tarnungspflaster für alles. Diese geduckten Parteimannen auf den verunstalteten Straßen scheinen verzweifelt zu fragen: Was werden die Nazis schon wieder machen? obwohl sie selber seit zwölf Jahren Nazis sind.

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Ja, ich beobachte scharf und schnell, weil ich monatelang nichts sah als die grauen Wände, auf denen nur die braunen

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