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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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wie Zersetzung der Wehrkraft durch antinationalsozialisti­sche Propaganda, Feigheit an der Front oder Überlaufen zum Feinde, für Sie und Ihre sämtlichen Blutsverwandten die nachteiligsten Folgen haben würde. Ihre Eltern, wenn Sie noch welche haben, Ihre Frau, Ihre Kinder, ja Ihre Ge­schwister würden in einem solchen Falle von uns aus­gelöscht. Sind Sie sich darüber im klaren?"

Ich bejahte.

"

,, Wir sind zu diesen Maßnahmen gezwungen", erklärte der Mann ,,, da wir gerade in letzter Zeit in dieser Hinsicht sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wir befinden uns heute in einer Lage, die uns keinerlei Sentimentalität ge­stattet. Ich sage das zu Ihrer Information und zur gefälligen Darnachhaltung. Ordnen Sie jetzt Ihre Angelegenheiten an Ihrem Arbeitsplatz. Ihre Entlassung kann frühestens am 2. März, also in drei Tagen, erfolgen." Ich konnte gehen.

Ich ging. Ging wie ein Betrunkener, wie ein aus qualvollen Träumen Erwachender. Der Weg und die Bäume und Büsche, die langen grünen Baracken und alles, was meine Augen in sich hineinsogen, als sei es bereits das Bild einer reineren Welt, drehte sich in einem wirbelnden Tanz. Mein Herz schlug so heftig, daß ich die pochenden Laute bis in meine Schläfen spürte, und ein Bedürfnis, laut herauszuheulen oder zu schreien, saß würgend in meiner Kehle. Der Weg in die Freiheit lag vor mir. Nicht in die Freiheit, die ich meinte und die mein Herz begehrte, aber doch in die Freiheit. Sie gab mir das Recht und die Möglichkeit des persönlichen Han­delns zurück. Was jetzt auch immer geschehen mochte dem Lagertod war ich entronnen.

Fünf Jahre war mir das Schicksal gnädig. Jetzt, da die Ver­hältnisse in diesem Lager Formen angenommen hatten, die ein Entrinnen aus dem Inferno sehr fragwürdig erscheinen ließen, bot es mir noch einmal die rettende Hand. Ich wußte: es würde mich auch weiterhin nicht im Stiche lassen. Ich war ihm zu Dank, zu tiefstem Dank verpflichtet.

Gewiß, ich hatte mich nie gleichgültig und stumpf dem oft blind waltenden Zufall überlassen. Ich hatte den Wert

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