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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Was in jener Nacht geschah, wiederholte sich in einer der nächsten Nächte. Diesmal waren es die vierzig luxembur­gischen Polizeibeamten, die sich mannhaft geweigert hatten, in die SS einzutreten. Sie wurden erschossen.

Erschossen wurden sechzig russische Kriegsgefangene, die der zur SS übergegangene Häftlingsdolmetscher Siegel der Konspiration verdächtigt hatte.

An jedem Abend wurden jetzt zwanzig Juden aus der Baracke 19, in der sich eine Geheimdruckerei des Sicherheits­dienstes befand, nach dem Krematorium beordert, zum Transportieren von Leichen, Jeden Abend waren es zwanzig andere Juden, denn die von der vergangenen Nacht kehrten nicht wieder; sie wurden nach getaner Arbeit, wie alle an­deren, in die Zone des Schweigens geschickt.

Wir wußten nun, daß der Augenblick greifbar nahe gerückt war, da auch wir damit rechnen konnten, aller Transport­schwierigkeiten durch den kurzen und einmaligen Marsch nach dem Industriehof enthoben zu werden.

Die Aussichtslosigkeit unserer Lage, das zermalmende Gefühl absoluter Hilflosigkeit, durchströmt vom Gedanken an die verheißungsvolle Nähe des Endes, des Zusammenbruchs, der Erlösung Europas von dem scheußlichen Monstrum, das noch immer im Schmuck eines Idiotenbärtchens in Weltgeschichte machte in diesem Widerspiel der Empfindungen, die uns stündlich beherrschten, nahm unser so brüchig gewordenes Verhältnis zur Welt und zum Leben zuletzt die Formen einer krankhaften Heiterkeit an, die uns ein irres Lächeln und ein irres Reden abrang.

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,, Sterben ist nichts, aber Angst haben ist mehr als Sterben!" Und dabei war es nicht einmal die Angst vor dem Tode, denn die hatten wir längst nicht mehr, aber tage- und nächtelang

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Wochen hindurch die erbärmlichste Art des Sterben­müssens vor Augen zu haben, ist mehr, als ein Mensch zu ertragen vermag. Denn die Gründe dieses zu erwartenden Vorgangs ermangelten jeder höheren Notwendigkeit, sie waren bübisch und infam bis ins letzte, und es war in diesen Tagen keiner unter uns, der nicht lieber von einer Flieger­bombe zerrissen worden wäre, als von einer ihres angemaẞ­

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