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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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zur Wehrmacht abgestellt werden würde. Da ich mir im Lager angewöhnt hatte, schicksalhafte Ereignisse bis zu jenem Punkt, wo sie eine konkrete Form annahmen, ausreifen zu lassen, ließ ich den Dingen ihren Lauf, den ich in diesem Fall sowieso nicht hätte beeinflussen können, und wartete alles Weitere geduldig ab. Aber ich hatte zum erstenmal das bestimmte Gefühl, daß das Glück, mit heiler Haut diesem Inferno zu entrinnen, gelächelt hatte.

Das Jahr 1944 ging zu Ende, ohne daß die Wehrmacht sich meiner erinnerte.

Daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, leuchtete jetzt bereits dem letzten SS -Schützen ein. Die stolzen Fahnen, die jahrelang über dem Eingang des Lagers geflattert hatten, wurden seit Monaten nicht mehr gehißt. Der Ausdruck un- erschütterlichen Vertrauens zu der Politik ihres Führers und die Miene herrenmenschlicher Überlegenheit in den Gesich- tern der SS -Offiziere, Dienststellenleiter und Blockführer waren erloschen. Jetzt kam es nur noch darauf an, welche über unser Schicksal entscheidenden Befehle von oben zu erwarten waren, Denn, daß irgend etwas geschehen mußte, war klar.

Und es geschah.

Der erste Befehl lautete aufEvakuierung des Lagers. Irgendeiner geheimen Abmachung zufolge sollten diejenigen Häftlinge, deren körperliche Verfassung einen Fußmarsch: von etwa 300 Kilometern zuließ, biszuletzt im Lager verblei- ben, um dann mit der SS und deren sämtlichen Angehörigen 'nach dem Konzentrationslager Nordhausen im Harz zu mar- schieren. Alle anderen und das war die Mehrzahl sollten in mehreren Transporten nach dem Auffanglager Bergen- Belsen und dem KL Mauthausen geschafft werden.

Um die Durchführung dieses Befehls in die Wege zu leiten, versammelte der Kommandant des Lagers, SS-Standarten- führer Kaindl, sämtliche Blockältesten, zahlreiche Vorarbeiter und mehrere im Verwaltungsbereich tätige Häftlinge um sich und führte ungefähr folgendes aus:Die Stunde, da das La- ger aus militärischen Gründen geräumt werden müsse, sei nahegerückt, Ein Teil der Häftlinge, vor allem die Kranken

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